Trails beyond the Horizon ist kein Spiel, das irgendwem entgegenkommt. Ganz im Gegenteil: Falcom setzt hier kompromisslos voraus, dass man nicht nur Trails through Daybreak und Trails through Daybreak 2 gespielt hat, sondern deren Handlung auch noch präsent im Kopf trägt. Selbst für Serienveteranen empfiehlt sich ein Story-Recap vor dem Einstieg, denn Horizon gehört zu den narrativ dichtesten Titeln der ohnehin schon komplexen Trails-Reihe. Damit wird Horizon zu einem Paradebeispiel für die größte Stärke und zugleich größte Schwäche der Serie. Über inzwischen dreizehn Spiele hinweg spannt Falcom ein zusammenhängendes Universum, das sich über mehr als zwei Jahrzehnte entwickelt hat. Wer diesen Weg mitgegangen ist, erlebt hier eine erzählerische Wucht, wie sie im Genre nahezu einzigartig ist. Wer nicht, steht vor einer nahezu unüberwindbaren Wand aus Namen, Fraktionen, politischen Verstrickungen und persönlichen Beziehungen.
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Kulmination jahrelanger Erzählstränge
Inhaltlich fungiert Trails beyond the Horizon im Kern als dritter Teil der Daybreak-Saga. Erneut steht Van Arkride im Mittelpunkt, der mit seiner unkonventionellen Truppe in der calvardischen Hauptstadt Edith mysteriösen Ereignissen nachgeht. Gleichzeitig öffnet das Spiel seine Türen weit für Figuren aus früheren Trails-Arcs, insbesondere aus der Cold-Steel-Reihe. Diese Rückkehrer sind kein bloßer Fanservice, sondern essenzieller Bestandteil der Handlung. Horizon verknüpft unterschiedliche Perspektiven und Handlungsstränge geschickt miteinander und schafft es, Ereignisse aus verschiedenen Serienepochen organisch zusammenzuführen. Gerade hierin liegt die große erzählerische Stärke des Spiels, denn viele Entwicklungen fühlen sich wie über Jahre vorbereitete Dominoeffekte an, die nun endlich fallen.

Der Einstieg fällt jedoch zäh aus. Die erste Spielhälfte verbringt enorm viel Zeit damit, alte Bekannte erneut einzuführen. Kaum vergeht eine Szene, ohne dass ein weiterer Charakter aus der Vergangenheit auftaucht. Das bremst den Erzählfluss spürbar und wirkt stellenweise überladen, selbst für erfahrene Fans.
Wenn die Geschichte Fahrt aufnimmt
Wer diese Anlaufphase übersteht, wird jedoch reich belohnt. Ab einem gewissen Punkt zieht die Handlung deutlich an, steigert das Tempo und entfaltet eine Spannung, die über viele Kapitel hinweg konstant hoch bleibt. Kaum ein Storyabschnitt endet ohne einen bedeutenden Cliffhanger oder eine Enthüllung, die das Gesamtbild des Trails-Universums nachhaltig verändert.

Besonders beeindruckend ist, wie Falcom hier mit langfristigem Worldbuilding arbeitet. Horizon liefert Antworten auf Fragen, die Fans seit Jahren diskutieren, und erweitert den Serienkanon um entscheidende Informationen. Gleichzeitig scheut sich das Spiel nicht davor, neue Mysterien aufzuwerfen und klarzumachen, dass dies noch lange nicht das Ende der großen Trails-Erzählung ist.

Bewährtes Gameplay mit neuen taktischen Facetten
Spielerisch bleibt Trails beyond the Horizon stark an Daybreak 2 orientiert. Die Struktur aus klar abgegrenzten Storykapiteln, Nebenaufgaben, Erkundung und rundenbasierten Kämpfen wird fortgeführt. Auch der bekannte optionale Dungeon kehrt zurück, diesmal unter dem Namen Grim Garten. Dieser fungiert erneut als spielerisches Gegengewicht zu den oft sehr dialoglastigen Hauptabschnitten. Hier können neue Gruppenformationen ausprobiert, Charaktere gezielt weiterentwickelt und wertvolle Ausrüstung gesammelt werden. Die stärkere Einbindung in die Haupthandlung macht den Grim Garten sinnvoller als seinen Vorgänger, auch wenn sich gewisse Wiederholungen nicht vermeiden lassen.

Das Kampfsystem selbst wurde weiter verfeinert und um neue Mechaniken ergänzt. Besonders das erweiterte S-Boost-System bringt zusätzliche taktische Tiefe. Ressourcenmanagement spielt nun eine noch größere Rolle, da S-Boosts entweder für mächtige Teamangriffe oder für gruppenweite Buffs genutzt werden können. Diese Flexibilität sorgt für spannende Entscheidungen, kann aber auch schnell überfordern.

Komplexität als zweischneidiges Schwert
Wie so oft bei Trails ist auch Horizon spielerisch extrem komplex. Die Vielzahl an Systemen, Fähigkeiten, passiven Effekten und taktischen Optionen belohnt intensive Auseinandersetzung, verlangt aber auch Geduld. Neueinsteiger innerhalb der Daybreak-Saga könnten sich erschlagen fühlen, während erfahrene Spieler genau diese Tiefe zu schätzen wissen.

Gleichzeitig wird deutlich, dass Falcom hier an die Grenze der Übersichtlichkeit stößt. Im direkten Vergleich wirkt das Kampfsystem von Trails in the Sky 1st Chapter fast schon elegant reduziert. Horizon bietet mehr Möglichkeiten, aber nicht immer mehr Klarheit.
Präsentation zwischen Anspruch und Realität
Technisch zeigt sich Trails beyond the Horizon solide, aber nicht zeitgemäß. Umgebungen und NPC-Modelle wirken teilweise kantig und veraltet, was besonders im Vergleich mit dem modernen Look des Sky-Remakes auffällt. Positiv hervorzuheben sind jedoch die neuen Kampfanimationen und die aufwendig inszenierten Zwischensequenzen, die emotionale Höhepunkte wirkungsvoll transportieren. Der Soundtrack überzeugt einmal mehr mit treibenden Battle-Themes und atmosphärischer Untermalung, die die dramatischen Wendungen der Geschichte perfekt begleiten.

Fazit
Trails beyond the Horizon ist eines der wichtigsten Kapitel in Falcoms Langzeitprojekt. Für langjährige Fans liefert das Spiel emotionale Höhepunkte, bedeutende Enthüllungen und eine Geschichte von enormer Tragweite. Gleichzeitig ist es ein Titel, der keinerlei Rücksicht auf Neueinsteiger nimmt und selbst Serienkenner mit seinem Erzähltempo und seiner Informationsdichte herausfordert. Wer diesen Weg bis hierhin mitgegangen ist, bekommt ein JRPG, das seine Stärken voll ausspielt und den Mut hat, seine eigene Komplexität nicht zu entschärfen. Wer jedoch einen Einstiegspunkt sucht oder auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Story und Gameplay hofft, könnte an Horizon eher verzweifeln als Freude finden.

