Nachdem ich in den letzten Jahren tief in die Trails-Reihe eingetaucht bin, stand ein anderes großes Franchise von Nihon Falcom schon lange auf meiner Liste: Ys. Mit fast vier Jahrzehnten Seriengeschichte wirkte der Einstieg zunächst einschüchternd. Doch Ys X: Proud Nordics, die erweiterte Neuauflage von Ys X: Nordics, entpuppt sich als überraschend zugänglicher Startpunkt. Nach über 70 Stunden Spielzeit blieb nie das Gefühl zurück, etwas Entscheidendes zu verpassen. Stattdessen präsentiert sich Proud Nordics als erstaunlich eigenständiges Abenteuer, das Neueinsteiger ohne Ballast willkommen heißt.
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Frühere Tage eines legendären Abenteurers
Statt die Geschichte chronologisch weiterzuführen, versetzt uns Ys X in frühere Jahre von Serienprotagonist Adol Christin. Der 17-jährige Abenteurer befindet sich nach den Ereignissen von Ys II auf einer Seereise Richtung Celceta, begleitet von Dogi und Dr. Flair Rall. Doch die Reise nimmt schnell eine unerwartete Wendung. Im Obelia-Golf wird das Schiff von Normannen überfallen, einer Seefahrertruppe unter der Führung der Piratenprinzessin Karja Balta. Nach einer ersten Konfrontation strandet Adol in der Küstenstadt Carnac, wo er mysteriöse Mana-Kräfte entdeckt und erneut auf Karja trifft.

Ein magisches Ereignis bindet die beiden buchstäblich aneinander. Als sogenannte Shield Siblings sind sie gezwungen, gemeinsam gegen die unsterblichen Griegr zu kämpfen. Diese übernatürlichen Gegner stellen die Region vor eine existenzielle Bedrohung, während Adol und Karja langsam lernen, ihre Verbindung zu kontrollieren. Gerade Karja trägt die emotionale Schwere der Geschichte. Was zunächst wie die klassische grimmige Kriegerin wirkt, entwickelt sich zu einer vielschichtigen Figur mit spürbarem Wachstum. Die Dynamik zwischen ihr und Adol ist einer der stärksten Aspekte der Handlung.
Neue Inhalte mit echtem Mehrwert
Für Besitzer der ursprünglichen Version ist die Hauptstory unverändert. Proud Nordics erweitert das Erlebnis jedoch um das große Areal Öland Island. Hier treffen wir auf neue Normannen-Charaktere wie Canute und Astrid und erhalten zusätzliche Einblicke in die Geschichte der Balta-Seeforce sowie Karjas Vergangenheit. Öland Island fühlt sich beinahe wie ein eigenständiges Open-World-Gebiet an. Zahlreiche Nebenpfade, Geheimnisse und Mana-basierte Traversal-Rätsel sorgen für Abwechslung.

Das Gebiet ist visuell markant und hebt sich klar vom Rest der Inselwelt ab. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass viele der ursprünglichen Inseln im Vergleich generischer wirken. Zusätzliche Inhalte wie optionale Bosse, ein Postgame-Dungeon, neue Mana-Fähigkeiten sowie zusätzliche Währungen wie Sparkling Whitesand und Elding Fragments runden das Gesamtpaket ab. Technisch und spielerisch ist Proud Nordics ohne Zweifel die definitive Version.
Action statt Party-Rollenspiel
Im Gegensatz zu Trails setzt Ys traditionell stärker auf Action. Auch hier steuert man kein klassisches JRPG-Team, sondern ausschließlich Adol und Karja. Das Kampfsystem erlaubt nahtloses Wechseln zwischen beiden Charakteren. Adol agiert flink und offensiv, während Karja mit ihrer Axt wuchtige Angriffe verteilt und als defensive Kraft dient. Beide verfügen über unterschiedliche Element-Mana-Fähigkeiten, die sowohl im Kampf als auch beim Erkunden eine Rolle spielen.

Besonders stark ist das Duo-System. Per Knopfdruck kämpfen beide Seite an Seite, blocken gegnerische Angriffe und entfesseln gemeinsame Mana-Skills. Durch erfolgreiches Blocken erhöht sich ein Schadensmultiplikator, was defensive Spielweise aktiv belohnt. Das System fühlt sich dynamisch und motivierend an. Neue Fähigkeiten werden durch häufige Nutzung gemeistert und weiter ausgebaut. Trotz der überschaubaren Charakteranzahl bleibt das Kampfsystem abwechslungsreich und tief genug, um auch nach vielen Stunden zu tragen.
Seefahrt mit Arcade-Charme
Ein Highlight ist das Schiff Sandras. Während andere Spiele versuchen, realistische Seeschlachten zu simulieren, setzt Ys X auf einen klaren Arcade-Ansatz. Die Schiffskämpfe sind direkt, übersichtlich und motivierend. Mit Upgrades verwandelt sich das anfangs fragile Boot in ein echtes Seemonster. Windpfade beschleunigen das Reisen über die Karte, während Gefechte gegen Griegr-Schiffe neue Routen freischalten. Zwar ist das reine Segeln ohne Boost etwas träge, doch insgesamt bleibt die Seefahrt spaßig und überraschend gelungen. Die Crew wächst im Verlauf der Geschichte, verwaltet Shops und Nebenquests und verleiht dem Schiff eine lebendige Funktion als mobile Basis.

Optisch setzt das Spiel auf einen 3D-Anime-Stil, der besonders in Zwischensequenzen glänzt. Auch im Gameplay überzeugt die Darstellung mit verbesserter Beleuchtung und höherer Sichtweite. Während die ursprüngliche Version mit 30 FPS lief, bietet Proud Nordics nun standardmäßig 60 FPS im Qualitätsmodus und bis zu 120 FPS im Performance-Modus auf kompatiblen Geräten. Ganz fehlerfrei ist das Erlebnis jedoch nicht. Vereinzelt treten kleinere Glitches auf, die zwar selten, aber spürbar störend sein können.
Fazit
Ys X: Proud Nordics ist die beste Möglichkeit, Adols Seefahrer-Abenteuer zu erleben. Eine starke, eigenständige Story, ein charismatisches Duo, flüssiges Kampfsystem und überraschend spaßige Seeschlachten ergeben ein rundes Gesamtpaket. Für Neueinsteiger ist es ein idealer Einstieg in die Ys-Reihe. Für Besitzer des Originals stellt sich hingegen die Frage nach dem Mehrwert, da die zusätzlichen Inhalte zwar gelungen, aber nicht essenziell sind. Unterm Strich bleibt ein dynamisches Action-JRPG mit Herz, Tempo und einem Seefahrer-Charme, der lange im Gedächtnis bleibt.

