StartGaming HubCitizen Sleeper 1 & 2 Switch 2 Editions Test/Review

Citizen Sleeper 1 & 2 Switch 2 Editions Test/Review

Es gibt Rollenspiele, die mit spektakulären Kämpfen, riesigen Open Worlds oder bombastischen Zwischensequenzen beeindrucken. Und dann gibt es Citizen Sleeper. Die beiden Spiele von Entwickler Gareth Damian Martin und dem Studio Jump Over The Age beweisen eindrucksvoll, dass ein Rollenspiel weder actionreich noch grafisch aufwendig sein muss, um zu fesseln. Stattdessen setzen Citizen Sleeper und sein Nachfolger auf exzellentes Writing, tiefgründige Entscheidungen und eine bedrückende Cyberpunk-Welt, in der jede Handlung Konsequenzen hat. Wer sich auf die ungewöhnliche Mischung aus Visual Novel, Pen-&-Paper-Mechaniken und Ressourcenmanagement einlässt, erlebt zwei der atmosphärisch dichtesten Science-Fiction-Geschichten der letzten Jahre.

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Leben auf der Flucht

Im ersten Citizen Sleeper schlüpft ihr in die Rolle eines sogenannten Sleepers. Dabei handelt es sich um einen künstlich erschaffenen Menschen, dessen Bewusstsein in einen synthetischen Körper übertragen wurde. Dieser Körper gehört jedoch einem Megakonzern, der euch lediglich als Arbeitskraft betrachtet. Nach eurer Flucht landet ihr auf der heruntergekommenen Raumstation Erlin’s Eye. Freiheit bedeutet hier allerdings keineswegs Sicherheit. Der Konzern schickt Kopfgeldjäger hinter euch her, während euer künstlicher Körper langsam versagt. Um überhaupt überleben zu können, seid ihr auf ein spezielles Medikament angewiesen, das ausschließlich euer ehemaliger Arbeitgeber produziert. So beginnt ein permanenter Überlebenskampf, bei dem ihr Jobs in Werften annehmt, mit Schrotthändlern verhandelt, dubiose Ärzte aufsucht und euch fragt, wem ihr überhaupt noch vertrauen könnt. Citizen Sleeper 2 setzt die Geschichte nicht direkt fort, sondern erzählt eine neue Handlung im gleichen Universum. Erneut wacht ihr als Sleeper auf, diesmal jedoch in den Fängen des Gangsterbosses Laine, der euren Körper als sein Eigentum betrachtet. Erst in letzter Sekunde gelingt die Flucht mit Hilfe eines geheimnisvollen Verbündeten. Gemeinsam macht ihr euch mit einem gestohlenen Raumschiff auf die Reise durch den Starward Belt, stets verfolgt von alten Feinden und ständig auf der Suche nach einem Ort, an dem Freiheit mehr bedeutet als nur das nächste Überleben.

Entscheidungen statt Kämpfe

Beide Spiele verzichten fast vollständig auf klassische Rollenspielkämpfe. Stattdessen stehen Entscheidungen im Mittelpunkt. Das Herzstück bildet ein Würfelsystem, das stark von Pen-&-Paper-Rollenspielen inspiriert wurde. Zu Beginn jedes Tages würfelt ihr mehrere sechsseitige Würfel, die anschließend für sämtliche Aktionen eingesetzt werden. Jede Aufgabe, sei es Arbeiten, Verhandeln, Hacken oder Erkunden, verbraucht einen dieser Würfel. Je höher der Wert, desto größer die Erfolgschancen. Schlechte Würfel können dagegen Fehlschläge oder sogar dauerhafte Konsequenzen nach sich ziehen. Das klingt zunächst simpel, entwickelt jedoch schnell eine erstaunliche strategische Tiefe. Da jeder Tag begrenzte Ressourcen bietet und gleichzeitig neue Probleme entstehen, muss ständig priorisiert werden. Helft ihr einem Freund weiter oder verdient ihr lieber Geld für Nahrung? Repariert ihr euren Körper oder investiert ihr Zeit in eine wichtige Quest? Gerade dieses permanente Ressourcenmanagement erzeugt einen enormen Druck. Hunger, Zeitmangel und der langsame körperliche Verfall begleiten euch über das gesamte Abenteuer und sorgen dafür, dass selbst scheinbar kleine Entscheidungen große Bedeutung erhalten.

Der Nachfolger erweitert das Konzept sinnvoll

Citizen Sleeper 2 übernimmt sämtliche Stärken seines Vorgängers und baut sie sinnvoll aus. Neu ist unter anderem das Stress-System. Misslingen Aktionen oder lebt ihr dauerhaft unter schlechten Bedingungen, steigt euer Stresslevel kontinuierlich an. Dieser wirkt sich direkt auf eure Würfel aus. Mit etwas Pech werden sie beschädigt und stehen irgendwann gar nicht mehr zur Verfügung, bis ihr sie aufwendig reparieren lasst. Dadurch entsteht eine zusätzliche Ebene im ohnehin anspruchsvollen Ressourcenmanagement. Nicht nur Zeit und Nahrung wollen bedacht werden, sondern auch die eigene mentale Belastung. Hinzu kommen die sogenannten Contracts. Dabei handelt es sich um größere Missionen außerhalb der Raumstationen, für die ihr Treibstoff, Ausrüstung und geeignete Crewmitglieder benötigt. Jeder Begleiter bringt eigene Fähigkeiten und Würfel mit, wodurch diese Expeditionen deutlich abwechslungsreicher ausfallen als die alltäglichen Aufgaben auf den Stationen. Außerdem erweitert Citizen Sleeper 2 das Rollenspielsystem um verschiedene Klassen und Talentbäume. Je nachdem, ob ihr euch beispielsweise für einen Operator oder eine andere Spezialisierung entscheidet, verändert sich euer gesamter Spielstil deutlich. Dadurch besitzt der Nachfolger einen noch höheren Wiederspielwert.

Hervorragendes Worldbuilding

Die eigentliche Stärke beider Spiele liegt jedoch im Schreiben der Geschichten. Das Universum wirkt außergewöhnlich glaubwürdig. Überall begegnet man Menschen, Maschinen und künstlichen Intelligenzen, die alle ihre eigenen Sorgen, Hoffnungen und Ziele verfolgen. Statt einer geradlinigen Haupthandlung entfalten sich zahlreiche miteinander verflochtene Nebengeschichten. Mal helft ihr einer Söldnerin beim Reparieren ihres Schiffes, ein anderes Mal unterstützt ihr einen intelligenten Getränkeautomaten im Kampf gegen eine außer Kontrolle geratene KI. Später schließen sich neue Crewmitglieder an oder alte Bekanntschaften tauchen unter völlig anderen Umständen wieder auf. Die Figuren sind hervorragend geschrieben und entwickeln sich glaubwürdig weiter. Da ihr nicht jede Geschichte innerhalb eines Durchgangs erleben könnt, laden beide Spiele dazu ein, mehrere Entscheidungen auszuprobieren und alternative Handlungsverläufe zu entdecken. Gerade Citizen Sleeper 2 steigert dieses Gefühl noch einmal deutlich. Die Reise durch verschiedene Raumstationen vermittelt eindrucksvoll das Leben am Rand der Zivilisation, wo Konzerne Krieg führen und die einfachen Bewohner jeden Tag ums Überleben kämpfen.

Minimalistische Präsentation mit maximaler Wirkung

Optisch setzen beide Spiele auf Minimalismus. Während schlichte 3D-Modelle von Raumstationen und Raumschiffen die Hintergründe bilden, stehen wunderschön gezeichnete Charakterporträts und eine klare Benutzeroberfläche im Vordergrund. Wer große Animationen oder spektakuläre Effekte erwartet, wird hier nicht fündig. Dafür gelingt es den ausführlichen Textbeschreibungen hervorragend, die Fantasie anzuregen und eine lebendige Welt entstehen zu lassen. Ein mindestens ebenso großer Anteil an der Atmosphäre kommt dem Soundtrack zu. Synthwave, elektronische Klänge und melancholische Ambient-Musik begleiten nahezu jede Entscheidung und erzeugen eine einzigartige Mischung aus Hoffnung, Einsamkeit und unterschwelliger Bedrohung. Gerade mit Kopfhörern entfalten beide Spiele eine beeindruckende Wirkung und gehören musikalisch zu den stärksten Indie-Veröffentlichungen der letzten Jahre.

Kleine Schwächen bleiben bestehen

Trotz aller Qualitäten gibt es einen Kritikpunkt, der beide Spiele betrifft. Die Steuerung mit einem Controller wirkt stellenweise unnötig umständlich. Menüs und Knotenpunkte auf der Karte lassen sich zwar problemlos bedienen, fühlen sich jedoch deutlich weniger intuitiv an als mit Maus und Tastatur. Da außerdem keine Touchscreen-Unterstützung vorhanden ist, wäre gerade auf der Nintendo Switch etwas mehr Komfort wünschenswert gewesen. Glücklicherweise handelt es sich dabei eher um ein Komfortproblem als um einen echten Spielspaßkiller.

Fazit

Citizen Sleeper und Citizen Sleeper 2 gehören zu den außergewöhnlichsten Science-Fiction-Rollenspielen der vergangenen Jahre. Statt auf Kämpfe oder spektakuläre Action setzen beide Titel konsequent auf starke Charaktere, exzellentes Writing und Entscheidungen mit echten Konsequenzen. Bereits der erste Teil überzeugt mit seinem ungewöhnlichen Ressourcenmanagement und einer bedrückenden Cyberpunk-Atmosphäre. Der Nachfolger erweitert diese Grundlage an den richtigen Stellen, führt neue Spielmechaniken ein und erzählt eine noch größere, emotionalere Geschichte, ohne dabei den Kern der Reihe aus den Augen zu verlieren. Wer erzählerisch starke Rollenspiele wie Disco Elysium schätzt und nichts gegen viele Textpassagen hat, erhält hier zwei absolute Indie-Highlights, die lange nach dem Abspann im Gedächtnis bleiben.

Gesamtwertung: 9.5/10

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