Mit Reihen wie Blame!, Knights of Sidonia oder Aposimz hat sich Tsutomu Nihei längst als einer der prägendsten Sci-Fi-Mangaka etabliert. Seine Werke zeichnen sich vor allem durch monumentale Architektur, düstere Zukunftswelten und einen einzigartigen Zeichenstil aus. Nun verlässt Nihei erstmals sein gewohntes Terrain und widmet sich mit Tower Dungeon einer klassischen Dark-Fantasy-Geschichte. Doch gelingt der Genrewechsel?
Ein Turm voller Monster und Geheimnisse
Die Geschichte beginnt mit einer Katastrophe: Ein mächtiger Nekromant ermordet den König und entführt dessen Tochter in den sagenumwobenen Drachenturm. Die königliche Garde startet umgehend eine Rettungsmission, scheitert jedoch bereits auf den unteren Ebenen an unvorstellbaren Kreaturen. Da die Verluste immer größer werden, greift das Königreich zu drastischen Maßnahmen und rekrutiert einfache Dorfbewohner als Verstärkung. Zu ihnen gehört auch der junge Bauer Yuva. Körperlich robust, aber völlig unerfahren im Kampf, findet er sich plötzlich mitten in einem Albtraum wieder, der ihn Ebene für Ebene tiefer in den geheimnisvollen Turm führt. Dabei orientiert sich Tower Dungeon unverkennbar an klassischen Dungeon-Crawlern aus Rollenspielen und Videospielen. Eine Gruppe unterschiedlich begabter Abenteurer kämpft sich durch immer neue Ebenen, stellt sich Monstern, überlebt tödliche Fallen und dringt Stück für Stück weiter in das gigantische Bauwerk vor.
Niheis größte Stärke bleibt die Atmosphäre
Auch wenn Tower Dungeon zeichnerisch nicht ganz die Detailverliebtheit eines Blame! erreicht, ist Niheis Handschrift jederzeit erkennbar. Die Figuren wirken etwas schlichter als in seinen früheren Werken, dafür liegt der Fokus erneut auf der Umgebung. Der riesige Drachenturm strahlt dieselbe bedrohliche Monumentalität aus, für die Nihei seit Jahren bekannt ist. Besonders beeindruckend sind die zahlreichen wortlosen Seiten, auf denen ausschließlich die Architektur und die beklemmende Atmosphäre wirken dürfen. Mit starken Schwarz-Weiß-Kontrasten erschafft Nihei eine Welt, die gleichzeitig faszinierend und unheimlich erscheint. Auch die Monster wissen zu überzeugen. Ob skelettierte Ritter, Drachen oder groteske Wesen mit deutlichen Anleihen an den kosmischen Horror eines H. P. Lovecraft, jede Begegnung vermittelt das Gefühl, dass hinter der nächsten Ecke etwas noch Schrecklicheres lauern könnte.

Gute Ideen, aber wenig emotionale Bindung
So gelungen Setting und Atmosphäre auch sind, erzählerisch bleibt der Auftakt leider hinter seinen Möglichkeiten zurück. Vor allem Hauptfigur Yuva bleibt überraschend blass. Zwar erfüllt er die klassische Rolle des einfachen Bauern, der unvermittelt zum Helden wird, doch seine Motivation bleibt weitgehend unklar. Auch innerhalb der Gruppe entwickeln sich kaum glaubwürdige Beziehungen. Die Figuren marschieren gemeinsam durch den Turm, wirken dabei jedoch eher wie Zweckgemeinschaften als wie Charaktere mit eigener Persönlichkeit. Hinzu kommt ein recht hohes Erzähltempo. Kaum ist eine Gefahr überwunden, wartet bereits die nächste Herausforderung. Dadurch bleibt kaum Zeit, die Figuren kennenzulernen oder emotionale Momente wirken zu lassen. Das Ergebnis ist eine Geschichte, die zwar ständig in Bewegung ist, den Leser aber nur schwer wirklich mitreißt.
Fazit
Mit Tower Dungeon beweist Tsutomu Nihei einmal mehr, dass er meisterhaft düstere Welten erschaffen kann. Die Atmosphäre des gewaltigen Turms, die beklemmenden Schwarz-Weiß-Kompositionen und die eindrucksvoll gestalteten Monster machen den Manga visuell zu einem echten Erlebnis. Leider reicht das allein nicht aus. Die Handlung bleibt bislang erstaunlich oberflächlich, die Charaktere entwickeln kaum Profil und insbesondere Hauptfigur Yuva hinterlässt im ersten Band nur wenig Eindruck. Die spannende Grundidee eines düsteren Dungeon-Crawlers ist definitiv vorhanden, doch erzählerisch schöpft Nihei ihr Potenzial noch nicht aus. Dennoch dürfte Tower Dungeon vor allem Fans atmosphärischer Dark Fantasy und von Niheis einzigartigem Zeichenstil neugierig auf die Fortsetzung machen. Bleibt zu hoffen, dass die kommenden Bände den Figuren mehr Tiefe verleihen und das starke Setting auch erzählerisch voll ausschöpfen können.

