Mortal Shell 2 macht schon nach kurzer Zeit klar, dass es seine Wurzeln kennt. Harte Kämpfe, verschachtelte Gebiete, kryptische Weltgestaltung und ein eher zurückhaltender Umgang mit Erklärungen erinnern selbstverständlich an die großen Soulslike-Vorbilder. Gleichzeitig versucht der Nachfolger deutlich stärker als sein Vorgänger, eine eigene Identität zu entwickeln. Das gelingt vor allem durch ein flexibles Klassensystem mit den namensgebenden Shells, ungewöhnliche Nebenwaffen wie Schrotflinten und Miniguns sowie eine offene, miteinander verbundene Spielwelt, die voller kleiner Geheimnisse steckt. Dazu kommt ein angenehm entschlacktes Fortschrittssystem, das deutlich verständlicher ausfällt als bei vielen Genrevertretern. Ganz ohne Schwächen kommt das Abenteuer nicht davon. Vor allem gegen Ende verliert Mortal Shell 2 etwas an Tempo, zwingt zu unnötigem Backtracking und wird durch den eigenen Fortschritt überraschend leicht. Trotzdem ist der Nachfolger ein klarer Schritt nach vorne und eines der interessanteren Soulslikes der letzten Zeit.
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Eine Welt zwischen Knochen, Burgen und Heavy Metal
Im Mittelpunkt steht ein gottähnliches Wesen namens Lavendar, das als Harbinger verehrt wird. Die Aufgabe besteht darin, die fruchtbaren Ova der Mether zu finden und zu sammeln, die überall in der Welt verteilt sind. Im Gegensatz zum eher linearen Aufbau des ersten Teils setzt Mortal Shell 2 auf eine zusammenhängende offene Welt. Diese besteht aus mehreren Biomen, die visuell und spielerisch deutlich voneinander getrennt sind. Schon früh fällt der ausgeprägte Heavy-Metal-Einschlag auf. Manche Gebiete bestehen aus beinahe knochenweißen Strukturen mit aderartigen Mustern, andere führen durch zerstörte Burgen voller korrumpierter Ritter. Diese Welt hat Stil, und vor allem besitzt sie erstaunlich viel Abwechslung. Versteckte Wege, Abkürzungen und kleine Seitengänge sorgen dafür, dass Erkundung fast immer belohnt wird. Besonders angenehm ist, dass viele Gebiete eigene Gegnertypen mitbringen und dadurch nicht permanent dieselben Kreaturen recycelt werden.

Überraschend ist, wie verspielt Mortal Shell 2 mit seinen Gegnern umgeht. In einem Pilzdorf wird man beispielsweise von tanzenden Hexen attackiert, die Akkordeon spielen. An anderer Stelle wartet ein Boss im Stil eines Hirten, der eine Herde dämonischer Schafe kommandiert. Solche Ideen lockern die ansonsten düstere Atmosphäre angenehm auf. Das Spiel nimmt sich selbst nicht ständig todernst und schafft es dadurch, trotz all seiner grotesken Designs sympathisch zu bleiben. Gerade in einem Genre, das häufig fast ausschließlich auf Schwermut setzt, ist das eine willkommene Abwechslung.
Kämpfen ohne Ausdauerleiste
Das grundlegende Kampfsystem bleibt zunächst vertraut. Leichte und schwere Angriffe werden mit Ausweichrollen, Blocks und Paraden kombiniert. Wer gutes Timing besitzt, kann perfekte Paraden ausführen und Gegner damit besonders effektiv bestrafen. Der große Unterschied zu vielen Soulslikes: Es gibt keine klassische Ausdauerleiste. Dadurch können Angriffe deutlich freier aneinandergereiht werden. Wer aggressiv spielen möchte, muss nicht ständig darauf achten, ob noch genügend Stamina für den nächsten Schlag oder eine Rolle vorhanden ist. Ganz ohne Begrenzung funktioniert das System dennoch nicht. Beim Blocken füllt sich eine Break-Leiste, wodurch man nicht dauerhaft hinter der eigenen Verteidigung verschwinden kann. Das sorgt für ein deutlich schnelleres Spieltempo als bei vielen Genrevertretern. Besonders gelungen ist das Treffergefühl. Waffen besitzen spürbares Gewicht und schneiden oder schlagen sich mit ordentlich Wucht durch Gegner.

Die wohl auffälligste Erweiterung sind die Sidearms. Neben klassischen Nahkampfwaffen darf Lavendar auf Schrotflinten, Miniguns und andere Fernkampfoptionen zurückgreifen. Diese sind kein nebensächliches Gimmick, sondern können aktiv in den Kampfstil integriert werden. Eine Schrotflinte eignet sich beispielsweise hervorragend, um Gegner auf kurzer Distanz zurückzudrängen oder angeschlagene Feinde schnell auszuschalten. Zusammen mit Nahkampfwaffen entstehen dadurch ungewöhnliche Kombinationen, die Mortal Shell 2 deutlich von der Konkurrenz abheben. Zusätzlich kommen sogenannte Tarstones zum Einsatz. Diese erweitern Nahkampf- oder Nebenwaffen um neue Angriffe und passive Eigenschaften. Dadurch lassen sich Builds deutlich stärker individualisieren, ohne dass man sich durch unnötig komplizierte Statistikmenüs kämpfen muss.
Jede Waffe fühlt sich wichtig an
Ein cleverer Designentscheid betrifft die Waffenverteilung. Von jeder Waffenart existiert nur eine einzige Variante. Statt ständig zehn fast identische Schwerter mit leicht unterschiedlichen Werten zu finden, fühlt sich jeder neue Fund bedeutsam an. Das motiviert dazu, Dungeons gründlich zu erkunden. Besonders gelungen ist beispielsweise die Axatana, eine Kombination aus zwei Katanas, die bei schweren Angriffen zu einer großen Axt zusammengefügt werden. Solche Waffen verändern tatsächlich die eigene Spielweise und fühlen sich nicht nur wie Zahlenverbesserungen an. In Verbindung mit einer aufgelevelten Schrotflinte oder passenden Tarstones entstehen Builds, die deutlich voneinander abweichen können.

Das wichtigste System bleiben die namensgebenden Shells. Sie funktionieren im Grunde wie Klassen, sind aber wesentlich flexibler umgesetzt. Insgesamt gibt es acht verschiedene Shells, die überall in der Welt gefunden werden können. Jede besitzt eine eigene Spezialfähigkeit. Tiel kann sich beispielsweise kurzzeitig unsichtbar machen und Gegner aus dem Hinterhalt überraschen. Proxima nutzt einen Greifangriff, um Gegner zu schwächen und gleichzeitig die Distanz zu schließen. Gragu wiederum kann Heilressourcen durch besiegte Gegner regenerieren und eignet sich damit hervorragend für Spieler, die etwas sicherer unterwegs sein möchten. Diese Fähigkeiten verändern das Spielgefühl deutlich.
Jede Shell erzählt ihre eigene Geschichte
Auch die Art, wie neue Shells gefunden werden, ist interessant. Manche liegen als Überreste in Krypten, andere müssen zunächst als Bossgegner besiegt werden. Sobald eine Shell übernommen wurde, kann die Bindung zu ihr verbessert werden. Dadurch werden nicht nur neue Fähigkeiten freigeschaltet, sondern auch kurze Rückblenden aus ihrem früheren Leben. Das verleiht den Klassen eine kleine narrative Ebene und macht sie deutlich interessanter als reine Statistikpakete. Mit zunehmender Bindung öffnen sich neue Ebenen des Skill Trees. Gragu kann beispielsweise mehr Heilmittel tragen, stärkere Heilung erhalten und diese Ressourcen leichter regenerieren. Proxima wiederum kann ihren Greifangriff mit Blitzschaden erweitern und schließlich sogar Immunitäten gegen bestimmte Angriffe entwickeln. Dadurch verändern voll entwickelte Shells den Kampfstil teilweise drastisch.

Besonders angenehm ist, dass das Spiel den Spieler nicht dauerhaft auf eine Shell festlegt. Zwar wird für bestimmte Verbesserungen die Ressource Glimpses benötigt, verteilte Skillpunkte können jedoch kostenlos zurückgesetzt und neu vergeben werden. Dadurch lässt sich jederzeit experimentieren. Wer nach einigen Stunden merkt, dass eine andere Shell besser zum eigenen Spielstil passt, kann problemlos wechseln, ohne das Gefühl zu haben, den Charakter falsch aufgebaut zu haben. Auch das allgemeine Levelsystem ist erfreulich unkompliziert. Grundwerte steigen automatisch, sodass man nicht ständig überlegen muss, ob der nächste Punkt nun in Stärke, Ausdauer oder Vitalität investiert werden soll. Mortal Shell 2 schafft es damit, Tiefe zu bieten, ohne unnötig kompliziert zu werden.
Schwierigkeit mit deutlicher Spitze
Der Schwierigkeitsgrad zieht vor allem in der Mitte des Spiels spürbar an. Bestimmte Gegner können Lavendar innerhalb von ein oder zwei Treffern ausschalten. Dadurch werden selbst gewöhnliche Begegnungen plötzlich hochgefährlich. Gerade weil viele Gebiete neue Gegnertypen einführen, muss man regelmäßig neue Angriffsmuster lernen. Das hält die Spannung hoch. Gleichzeitig besitzt Lavendar eine Art zweite Chance. Wird die aktuelle Shell zerstört, fällt man in die ursprüngliche Godling-Form zurück. In diesem Zustand muss genügend Blut gesammelt werden, um die Shell erneut zu betreten. Theoretisch lässt sich dieser Vorgang mehrfach wiederholen, allerdings steigt die benötigte Menge nach jedem Tod. Das System erzeugt spannende Situationen, in denen ein vermeintlich verlorener Kampf plötzlich doch noch gedreht werden kann. Ein weiteres Problem entsteht ausgerechnet durch die vielen Belohnungen für Erkundung. Wer gründlich spielt, Shells verbessert, Waffen auflevelt und mehrere Dungeons abschließt, kann im letzten Drittel massiv überlevelt sein.

Das ist zunächst natürlich befriedigend. Man spürt deutlich, wie mächtig der eigene Build geworden ist. Leider leiden die finalen Bosse darunter. Einige der letzten großen Gegner lassen sich bereits nach ein oder zwei Versuchen besiegen und fühlen sich dadurch weniger spektakulär an, als man es von einem Soulslike-Finale erwarten würde. Nach dem deutlich härteren Mittelteil ist das etwas enttäuschend. Technisch macht Mortal Shell 2 insgesamt eine ordentliche Figur. Auf PS5 und PS5 Pro stehen ein Qualitätsmodus mit 30 Bildern pro Sekunde und ein Performance-Modus mit 60 Bildern pro Sekunde zur Verfügung.

Kleinere Einbrüche können in beiden Modi auftreten, bleiben aber selten störend. Optisch schwankt das Spiel etwas stärker. Einige Gebiete sehen fantastisch aus und profitieren enorm von der ungewöhnlichen Art Direction. Andere wirken sichtbar einfacher und weniger detailliert. An das technische Niveau eines Demon’s Souls Remake kommt Mortal Shell 2 nicht heran. Das ist angesichts der geringeren Produktionsgröße aber kaum überraschend. Enttäuschend ist dagegen die DualSense-Unterstützung. Mehr als gewöhnliche Vibrationen wird praktisch nicht geboten.
Fazit
Mortal Shell 2 ist ein deutlich besserer, größerer und selbstbewussterer Nachfolger. Die offene, miteinander verbundene Welt lädt zum Erkunden ein und bietet eine überraschend große Vielfalt an Regionen, Gegnern und versteckten Geheimnissen. Besonders die Shells gehören zu den besten Ideen des Spiels. Sie funktionieren als flexibles Klassensystem, erzählen eigene kleine Geschichten und verändern den Kampfstil spürbar. Auch die Kombination aus schweren Nahkampfwaffen, Schrotflinten, Miniguns und Tarstones verleiht dem Soulslike eine eigene Identität. Das fehlende Ausdauersystem macht die Gefechte schneller und aggressiver, ohne sämtliche taktischen Elemente über Bord zu werfen.

Etwas schwächer fällt das letzte Drittel aus. Die Ova-Sammelvorgabe erzwingt unnötiges Backtracking und gründliche Spieler können sich so stark entwickeln, dass die finalen Bosse kaum noch eine ernsthafte Herausforderung darstellen. Trotzdem überwiegen klar die positiven Eindrücke. Mortal Shell 2 kopiert seine Vorbilder nicht einfach, sondern nimmt bekannte Soulslike-Grundlagen und ergänzt sie um genügend eigene Ideen. Ein Soulslike mit Schrotflinte klingt zunächst wie ein Gimmick. In Mortal Shell 2 funktioniert es erstaunlich gut. Und nebenbei gibt es auch noch eine wirklich schicke physische Edition vom Spiel, die ihr euch unbedingt mal anschauen solltet.

Mortal Shell 2
Mortal Shell 2-
Spielspaß90/100 Amazing
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Grafik85/100 Amazing
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Gameplay90/100 Amazing
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Sound85/100 Amazing
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Umfang85/100 Amazing
Positiv
- Große, miteinander verbundene Spielwelt
- Shells sind ein hervorragendes Klassensystem
- Kreative und teilweise humorvolle Gegnerdesigns
Negativ
- Nerviges Backtracking im letzten Drittel
- Optische Qualität schwankt zwischen den Gebieten

