Wie setzt man eines der besten JRPG-Remakes der vergangenen Jahre fort? Nihon Falcom liefert mit Trails in the Sky 2nd Chapter eine überraschend einfache Antwort: Man verändert gar nicht besonders viel. Statt das hervorragende Fundament des Vorgängers umzubauen, versteht sich der zweite Teil vielmehr als direkte Fortsetzung eines großen Abenteuers. Eigentlich fühlen sich 1st Chapter und 2nd Chapter wie zwei Hälften eines einzigen gigantischen Rollenspiels an. Bei vielen anderen Reihen könnte diese Zurückhaltung enttäuschend wirken. Bei Trails gehört sie dagegen zu den größten Stärken.
Falcom muss keine neue Welt etablieren, keine komplett neue Heldengruppe vorstellen und keine grundlegenden Spielsysteme erklären. All diese Arbeit hat Trails in the Sky 1st Chapter bereits erledigt. 2nd Chapter kann deshalb genau dort weitermachen, wo sein Vorgänger aufgehört hat und sämtliche über viele Stunden aufgebauten Beziehungen, Konflikte und Geheimnisse aufgreifen. Das Ergebnis ist eines der emotionalsten Abenteuer der Reihe. Vor allem in der zweiten Hälfte entwickelt Trails in the Sky 2nd Chapter eine erzählerische Wucht, die selbst innerhalb der für ihre umfangreichen Geschichten bekannten Serie heraussticht. Allerdings muss man zunächst etwas Geduld mitbringen. Bevor Falcom sämtliche Schleusen öffnet, nimmt sich das Abenteuer nämlich verdammt viel Zeit.
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Estelle muss erst wieder auf die Beine kommen
Nach dem Ende von 1st Chapter befindet sich Estelle alles andere als in guter Verfassung. Gerade erst hat sie ihre Gefühle für Joshua wirklich verstanden, da wird sie von ihm getrennt. Der sonst so optimistischen und lebensfrohen Heldin zieht diese Entwicklung zunächst den Boden unter den Füßen weg. Die Bracer Guild hilft ihr schließlich dabei, wieder auf die Beine zu kommen. Während des Prologs vergehen mehrere Monate, in denen Estelle ein hartes Trainingsprogramm absolviert. Sie möchte stärker werden, nicht nur um ihre Aufgaben als Bracer besser erfüllen zu können, sondern vor allem, um Joshua zu finden und sich der Situation zu stellen. Damit beginnt eine der größten Stärken von 2nd Chapter bereits in den ersten Stunden: Estelle entwickelt sich spürbar weiter. Sie bleibt die Figur, die Fans im Vorgänger lieben gelernt haben, wirkt nach den Ereignissen des ersten Spiels aber reifer und entschlossener. Ihr persönlicher Antrieb bildet das emotionale Zentrum der Geschichte und verleiht selbst langsameren Abschnitten eine gewisse Bedeutung.

Und langsam sind die ersten Kapitel definitiv. Estelle reist gemeinsam mit einer stetig wachsenden Gruppe von Stadt zu Stadt, sucht nach Hinweisen und trifft nach und nach alte Weggefährten wieder. Wer 1st Chapter gespielt hat, kennt die meisten dieser Orte bereits. Genau darin liegt eines der größten Probleme der Fortsetzung. Es fehlt zunächst das Gefühl, eine unbekannte Welt zu entdecken. Stattdessen besucht man bekannte Städte und Regionen erneut, erledigt zahlreiche neue Nebenaufgaben und wartet darauf, dass die übergeordnete Handlung endlich Fahrt aufnimmt. Das kann sich stellenweise ziehen und einige Nebenquests helfen dem ohnehin gemächlichen Tempo nicht unbedingt. Zum Glück funktioniert das Wiedersehen mit den bekannten Figuren hervorragend. Das Ensemble war bereits im ersten Spiel fantastisch geschrieben und profitiert nun davon, dass keine stundenlangen Vorstellungen mehr notwendig sind. Falcom kann bestehende Beziehungen vertiefen, Figuren neue Seiten abgewinnen und die Gruppendynamik weiter ausbauen. Dadurch tragen die Charaktere selbst jene Kapitel, in denen die eigentliche Handlung kaum vorankommt.

Ouroboros betritt die große Bühne
Besonders wichtig für die gesamte Trails-Saga ist die Einführung von Ouroboros. Die geheimnisvolle Organisation entwickelt sich im weiteren Verlauf der Reihe zu einem zentralen Bestandteil des gesamten Universums. In 2nd Chapter befindet sie sich allerdings noch am Anfang dieser Entwicklung und genau das macht ihren Auftritt so spannend. Ouroboros ist hier tatsächlich noch von Geheimnissen umgeben. Die Motive der Organisation sind schwer einzuschätzen und ihre Mitglieder bilden eine herrlich exzentrische Sammlung von Antagonisten. Jeder von ihnen besitzt genügend Persönlichkeit, um im Gedächtnis zu bleiben und gemeinsam sorgen sie dafür, dass die Bedrohung mit jedem Kapitel greifbarer wird. Sobald sich die Pläne von Ouroboros zunehmend offenbaren, verändert sich auch das Tempo des gesamten Spiels. Aus der zunächst sehr gemächlichen Reise entwickelt sich ein packendes JRPG, das einen Höhepunkt nach dem anderen liefert. Genau hier zahlt sich die gesamte Vorarbeit aus 1st Chapter aus.

Falcom kann auf Beziehungen und Konflikte zurückgreifen, die teilweise bereits Dutzende Stunden zuvor etabliert wurden. Charakterentwicklungen fühlen sich dadurch verdient an und Enthüllungen besitzen wesentlich mehr Gewicht, als es bei einer isolierten Geschichte möglich wäre. Die zweite Hälfte von Trails in the Sky 2nd Chapter ist entsprechend ein einziger großer Payoff für all jene, die Estelle und ihre Freunde seit Beginn ihrer Reise begleitet haben. Gerade das charaktergetriebene Drama gehört zum Besten, was Falcom bislang abgeliefert hat. Schon das ursprüngliche Trails in the Sky SC war erzählerisch hervorragend. Das Remake hebt diese Szenen jedoch auf ein vollkommen neues Niveau. Ausdrucksstarke Charaktermodelle und aufwendig animierte Zwischensequenzen geben emotionalen Momenten deutlich mehr Wirkung. Gesichtsausdrücke, Körpersprache und Inszenierung lassen Szenen lebendiger erscheinen, die im Original zwangsläufig stärker von Text und Vorstellungskraft getragen wurden. Wer den ersten Teil gespielt hat und emotional bereits an Estelle, Joshua und dem restlichen Ensemble hängt, dürfte deshalb einige Momente erleben, die noch lange nach dem Abspann im Gedächtnis bleiben.

Spielerisch bleibt fast alles beim Alten
So groß die erzählerische Entwicklung ausfällt, so wenig verändert sich auf spielerischer Ebene. Rund 95 Prozent von Erkundung und Kampfsystem funktionieren genauso wie in 1st Chapter. Das klingt zunächst vielleicht nach Kritik, ist in diesem Fall aber ausdrücklich positiv gemeint. Das Fundament musste schlicht nicht neu erfunden werden. Das Kampfsystem des Vorgängers war bereits schnell, taktisch und angenehm zugänglich. 2nd Chapter baut darauf auf, statt unnötig neue Mechaniken darüberzustülpen. Eine der wenigen größeren Ergänzungen abseits der Kämpfe betrifft das Angeln. Das Minispiel wurde ausgebaut und eignet sich erneut hervorragend als kleine Ablenkung von der eigentlichen Geschichte. Ansonsten fühlt sich die Erkundung ausgesprochen vertraut an, was angesichts der zahlreichen wiederverwendeten Schauplätze kaum überrascht.

In den Kämpfen wird dagegen schnell deutlich, dass wir keine Gruppe von unerfahrenen Abenteurern mehr kontrollieren. Die Charaktere beginnen auf einem wesentlich höheren Level und verfügen bereits früh über zahlreiche individuelle Fähigkeiten und Vorteile. 2nd Chapter muss sein Kampfsystem deshalb nicht erneut langsam entfalten, sondern kann praktisch von Beginn an mehr taktische Möglichkeiten bereitstellen. Das macht sich unmittelbar bemerkbar. Unterschiedliche Figuren besitzen klare Rollen und lassen sich stärker auf bestimmte Aufgaben spezialisieren. Gleichzeitig steht eine größere Auswahl an Quartz zur Verfügung, die insbesondere im späteren Verlauf wesentlich mächtigere Builds ermöglicht als im Vorgänger. Gerade für Spieler, die bereits im ersten Teil gerne mit verschiedenen Zusammenstellungen experimentiert haben, öffnet sich dadurch ein deutlich größerer Spielraum. Charaktere lassen sich gezielt auf bestimmte Arts, offensive Strategien oder unterstützende Rollen ausrichten und entsprechend an unterschiedliche Gegner anpassen.

Alte Stärke, größere Schlachten
Das eigentliche Kampfsystem bleibt dabei angenehm flott. Rundenbasierte Auseinandersetzungen verbinden Positionierung, individuelle Fähigkeiten und Arts weiterhin zu einem System, das schnell verstanden ist, aber genügend Möglichkeiten für taktische Entscheidungen bietet. Besonders die zahlreichen überarbeiteten und teilweise komplett neuen Angriffsanimationen sorgen dafür, dass sich die Kämpfe trotz des bekannten Fundaments frisch anfühlen. Falcom nutzt die Möglichkeiten des Remakes hervorragend, um Fähigkeiten wesentlich spektakulärer zu inszenieren als im Original. Das gilt insbesondere für die Bosskämpfe. 2nd Chapter besitzt einige hervorragende Konfrontationen und viele davon befinden sich genau in jener zweiten Hälfte, in der auch die Geschichte ihren Höhepunkt erreicht. Dadurch greifen Gameplay und Erzählung hervorragend ineinander. Große Enthüllungen führen zu bedeutenden Kämpfen und diese wiederum treiben die Geschichte weiter voran.

Die Balance funktioniert dabei bemerkenswert gut. Da die Gruppe bereits früh über viele Werkzeuge verfügt, kann Falcom schneller anspruchsvollere Gegner präsentieren. Statt erst über viele Stunden grundlegende Systeme freizuschalten, darf 2nd Chapter nahezu sofort auf den spielerischen Erfahrungen seines Vorgängers aufbauen. Wer direkt von 1st Chapter in die Fortsetzung wechselt, wird sich entsprechend innerhalb weniger Minuten wieder heimisch fühlen. Gleichzeitig entsteht nie der Eindruck, lediglich exakt dasselbe Abenteuer ein zweites Mal zu spielen. Die größere Auswahl an Quartz, stärkere Charakterfähigkeiten und anspruchsvollere Gegner sorgen für genügend Entwicklung innerhalb des bekannten Systems.
Präsentation und Musik auf höchstem Niveau
Besonders deutlich zeigt sich der Fortschritt des Remakes bei der Inszenierung. Trails war schon immer eine Reihe, die ihre Wirkung primär aus starken Figuren, umfangreichen Dialogen und sorgfältigem Worldbuilding bezogen hat. Moderne Technik ermöglicht es Falcom nun, diese Stärken wesentlich wirkungsvoller zu präsentieren. Die Charaktermodelle sind enorm ausdrucksstark und gerade emotionale Szenen profitieren davon. Kleine Reaktionen, Gesten und Gesichtsausdrücke verleihen den Figuren eine zusätzliche Ebene, die in älteren Fassungen naturgemäß fehlte. Die Zwischensequenzen wirken dynamischer und gerade die großen Momente der zweiten Spielhälfte erhalten dadurch eine Qualität, die das ursprüngliche Abenteuer noch einmal aufwertet.

Dass viele bekannte Schauplätze wiederverwendet werden, bleibt trotzdem ein kleiner Schwachpunkt. 1st Chapter lebte auch davon, Liberl gemeinsam mit Estelle und Joshua zu entdecken. Dieses Gefühl kann die Fortsetzung naturgemäß nicht wiederholen. Wer erneut dieselben Straßen, Städte und Wege durchquert, wird deshalb gelegentlich etwas Entdeckergeist vermissen. Akustisch gibt es dagegen kaum etwas zu beanstanden. Falcom liefert einmal mehr einen hervorragenden Soundtrack, dessen Melodien sich erschreckend schnell im Kopf festsetzen. Ruhige Stücke begleiten die emotionaleren Momente, während die Musik in wichtigen Kämpfen deutlich aufdreht. Wie so häufig bei Trails trägt der Soundtrack entscheidend zur Atmosphäre bei und unterstreicht die wichtigsten Szenen, ohne sich unnötig in den Vordergrund zu drängen.
Fazit
Trails in the Sky 2nd Chapter ist das Paradebeispiel dafür, warum direkte Fortsetzungen manchmal gar keine große spielerische Revolution benötigen. 1st Chapter hat die Welt aufgebaut, die Figuren vorgestellt und sämtliche Grundlagen gelegt. Sein Nachfolger darf diese Vorarbeit nun nehmen und daraus eine wesentlich emotionalere und dramatischere Geschichte formen. Der Einstieg verlangt allerdings Geduld. Gerade die ersten Kapitel bewegen sich ausgesprochen langsam und das erneute Bereisen bekannter Regionen nimmt der Erkundung einen Teil ihres Reizes. Dazu kommen einige Nebenaufgaben, die den ohnehin gemächlichen Auftakt zusätzlich strecken. Wer nach dem Ende von 1st Chapter sofort Antworten erwartet, muss sich zunächst noch eine ganze Weile gedulden. Sobald Ouroboros seine Pläne zunehmend offenlegt, verändert sich das Spiel jedoch grundlegend. Die zweite Hälfte gehört erzählerisch zum Besten, was Falcom innerhalb der Trails-Reihe geschaffen hat. Über viele Stunden aufgebaute Beziehungen und Konflikte werden aufgegriffen, Figuren entwickeln sich glaubwürdig weiter und zahlreiche Enthüllungen entfalten gerade deshalb so viel Wirkung, weil man diese Charaktere inzwischen hervorragend kennt.

Das Remake verstärkt diesen Effekt noch einmal. Ausdrucksstarke Charaktermodelle und hervorragend animierte Zwischensequenzen verleihen den emotionalen Momenten eine zusätzliche Intensität. Was bereits im ursprünglichen Trails in the Sky SC hervorragend funktionierte, wird hier zeitgemäß inszeniert, ohne die eigentliche Stärke der Geschichte aus den Augen zu verlieren. Spielerisch bleibt Falcom seinem Vorgänger treu. Erkundung und Kampfsystem wurden kaum verändert, doch das ist überhaupt kein Problem. Die Kämpfe waren bereits hervorragend und profitieren nun davon, dass Charaktere von Beginn an wesentlich mehr Fähigkeiten besitzen. Zusätzliche Quartz ermöglichen komplexere Builds, während einige fantastische Bosskämpfe das taktische System voll ausreizen. Trails in the Sky 2nd Chapter funktioniert deshalb weniger wie ein eigenständiger Nachfolger und vielmehr wie die zweite Hälfte eines riesigen Rollenspielepos. Ohne 1st Chapter sollte man dieses Abenteuer keinesfalls beginnen. Wer Estelles Reise dagegen von Anfang an begleitet hat, wird mit einem emotionalen, hervorragend geschriebenen und spielerisch starken JRPG belohnt, das die Vorarbeit seines Vorgängers nahezu perfekt nutzt. Falcom musste das Rad nicht neu erfinden. Es musste die bereits vorhandenen Räder nur endlich richtig ins Rollen bringen.

Trails in the Sky 2nd Chapter
Trails in the Sky 2nd Chapter-
Spielspaß95/100 The best
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Grafik90/100 Amazing
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Gameplay95/100 The best
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Sound100/100 The best
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Umfang95/100 The best
Positiv
- Hervorragende und emotionale Geschichte
- Fantastische Charakterentwicklung
- Taktisches und hervorragend ausbalanciertes Kampfsystem
- Zahlreiche großartige Bosskämpfe
- Großartiger Soundtrack
Negativ
- Sehr langsame erste Kapitel
- Viele bekannte Schauplätze werden wiederverwendet

