Mit Star Wars: Die Hohe Republik – Die Gejagten geht die dritte Phase des ambitionierten Literatur- und Comicprojekts in die nächste Runde. Während die Nihil weiterhin Angst und Schrecken verbreiten und die Jedi mit den verheerenden Auswirkungen ihrer Angriffe kämpfen, rückt diesmal insbesondere Keeve Trennis in den Mittelpunkt. Die junge Jedi hat endlich ihren lange verschollenen ehemaligen Meister Sskeer aufgespürt. Doch das Wiedersehen verläuft alles andere als erfreulich. Der Trandoshaner scheint die Kontrolle über sich selbst verloren zu haben und greift jeden an, der ihm zu nahe kommt. Gleichzeitig beschützt er ein kleines Mädchen, das offenbar eine besondere Bedeutung besitzt. Was steckt hinter seinem Verhalten und welche Rolle spielt das Kind in den finsteren Machenschaften der Nihil?
Der neue Sammelband verbindet eine spannende Geschichte über Loyalität, Vertrauen und persönliche Veränderungen mit den bekannten Bedrohungen der Hohen Republik. Zusätzlich erwartet die Leser eine eigenständige Kurzgeschichte über den Wookiee-Jedi Kelnacca, der vor allem durch die Disney+-Serie The Acolyte größere Bekanntheit erlangte. Doch können beide Geschichten überzeugen?
Eine gefährliche Jagd durch die Hohe Republik
Die Haupthandlung von Die Gejagten spielt erwartungsgemäß während der dritten Phase von Star Wars: Die Hohe Republik und begleitet Keeve Trennis sowie ihre Verbündeten auf der Suche nach Baron Boolan. Dieser dürfte aufmerksamen Lesern bereits aus anderen Geschichten des umfangreichen Literaturprojekts bekannt sein. Als skrupelloser Wissenschaftler der Nihil führt er grausame Experimente durch und beschäftigt sich insbesondere mit den Namenlosen, jenen furchterregenden Kreaturen, die selbst erfahrene Jedi an ihre Grenzen bringen.
Auf ihrer Mission begegnet die Gruppe auch Tey Serrik, einer Figur aus der zweiten Phase der Hohen Republik, die sich den Jedi anschließt. Solche Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Epochen gehören weiterhin zu den größten Stärken des Projekts. Es entsteht das Gefühl einer lebendigen Galaxis, in der Ereignisse und Charaktere nicht isoliert existieren, sondern über Generationen hinweg miteinander verknüpft sind.
Besonders erfreulich ist, dass die Geschichte ihren zahlreichen Figuren ausreichend Aufmerksamkeit schenkt. Keeve Trennis darf ebenso glänzen wie die Jedi-Zwillinge, während vor allem Lourna Dee und Sskeer eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen. Gerade Lourna gehört zu den interessantesten Persönlichkeiten des Bandes. Bereits in früheren Geschichten deutete sich an, dass die ehemalige Nihil-Anführerin zunehmend mit ihrer Vergangenheit und ihren Entscheidungen hadert. In Die Gejagten wird dieser innere Konflikt noch deutlicher. Ihre Bereitschaft, ein kleines Kind zu beschützen, zeigt eine Seite der Figur, die man zu Beginn ihrer Reise kaum für möglich gehalten hätte. Dabei gelingt es der Geschichte, ihre Veränderung nachvollziehbar darzustellen, ohne ihre früheren Verbrechen einfach vergessen zu machen.
Zwischen Loyalität und Verrat
Nicht weniger interessant fällt die Entwicklung von Sskeer aus. Der ehemalige Meister von Keeve Trennis befindet sich in einer zunehmend verzweifelten Situation. Seine Krankheit und der damit verbundene Kontrollverlust machen ihn zu einer unberechenbaren Figur, deren Loyalität bis zum Schluss infrage steht. Besonders geschickt wird dabei Baron Boolan eingesetzt, der Sskeer eine mögliche Heilung verspricht. Für den Trandoshaner entsteht dadurch ein nachvollziehbarer innerer Konflikt. Wie weit würde er gehen, um endlich wieder die Kontrolle über sein eigenes Leben zu erlangen? Und wäre er tatsächlich bereit, dafür seine ehemaligen Verbündeten zu verraten?
Diese Unsicherheit verleiht der Handlung eine zusätzliche Spannungsebene. Gleichzeitig sorgen die gelegentlich trockenen Kommentare und kleinen Wortgefechte innerhalb der Gruppe für willkommene Auflockerung. Gerade diese Momente verdeutlichen, dass zwischen den Charakteren inzwischen echte Bindungen entstanden sind. Auch die Action kommt selbstverständlich nicht zu kurz. Die Begegnungen mit Boolans grotesken Experimenten und den Namenlosen gehören zu den Höhepunkten des Bandes. Dabei gelingt es den Zeichnungen, die Bedrohlichkeit dieser Wesen überzeugend einzufangen.
Allerdings zeigen sich gerade hier einige erzählerische Schwächen. Während die Namenlosen in den Romanen der Hohen Republik meist als nahezu unaufhaltsame Bedrohung dargestellt werden, scheinen sie im Comic gelegentlich deutlich mehr Zeit zu benötigen, um ihre Opfer zu überwältigen. Besonders eine Szene mit Keeve wirkt dadurch etwas konstruiert, da Sskeer ausreichend Gelegenheit erhält, im entscheidenden Moment einzugreifen.
Wenn Konsequenzen plötzlich keine mehr sind
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft den Umgang mit vermeintlich dramatischen Wendungen. Im Verlauf der Geschichte geraten gleich mehrere wichtige Figuren in Situationen, die zunächst nach einem endgültigen Abschied aussehen. Gerade angesichts der zuvor sorgfältig aufgebauten Charakterentwicklungen hätten solche Verluste eine enorme emotionale Wirkung entfalten können. Stattdessen entscheidet sich die Geschichte dafür, ihre Figuren teilweise auf recht fragwürdige Weise zu retten.
Natürlich muss nicht jeder dramatische Moment zwangsläufig mit dem Tod einer Figur enden. Dennoch verliert eine Geschichte an Glaubwürdigkeit, wenn sie wiederholt mit endgültigen Konsequenzen spielt, diese anschließend aber wieder zurücknimmt. Besonders bei den Jedi-Zwillingen wird dies deutlich. Zwar vermittelt die betreffende Handlung eine durchaus wichtige Botschaft darüber, seinen eigenen Weg zu finden und unabhängige Entscheidungen zu treffen, doch wirkt diese Erkenntnis im Kontext der vorherigen Ereignisse etwas erzwungen. Glücklicherweise bleiben solche Schwächen überschaubar. Die Geschichte besitzt genügend interessante Figuren, emotionale Konflikte und spannende Entwicklungen, um auch über diese Ungereimtheiten hinwegzutrösten.
Zeichnerisch auf gewohnt hohem Niveau
Visuell gibt es an Die Gejagten erfreulich wenig auszusetzen. Die Zeichnungen bewegen sich auf dem hohen Niveau, das man inzwischen von den Comics der Hohen Republik gewohnt ist. Die Charaktere wirken plastisch und lebendig, während detaillierte Hintergründe dafür sorgen, dass die unterschiedlichen Schauplätze glaubwürdig erscheinen. Auch in actionreichen Szenen bleibt die Panelgestaltung übersichtlich, sodass sich die Ereignisse jederzeit problemlos verfolgen lassen.

Besonders gelungen ist die Darstellung der bekannten Figuren. Lourna Dee beispielsweise überzeugt durch ihre ausdrucksstarke Mimik, die ihre innere Zerrissenheit hervorragend transportiert. Auch Sskeers körperlicher und geistiger Zustand wird durch seine Körpersprache eindrucksvoll vermittelt. Die Namenlosen und Boolans übrige Kreaturen profitieren ebenfalls von der düsteren Bildsprache. Gerade in den bedrohlicheren Momenten entsteht eine Atmosphäre, die deutlich macht, warum diese Wesen für die Jedi eine derart große Gefahr darstellen. Insgesamt gelingt den Illustrationen eine gute Balance zwischen dynamischer Action, emotionalen Charakterbildern und der unverwechselbaren Ästhetik der Hohen Republik.
Fazit
Star Wars: Die Hohe Republik – Die Gejagten gehört zu den überzeugenderen Beiträgen der dritten Phase und punktet insbesondere mit seinen gelungenen Charakterentwicklungen. Die Geschichte rund um Keeve Trennis, Sskeer und Lourna Dee zeigt eindrucksvoll, wie viel erzählerisches Potenzial inzwischen in diesen Figuren steckt. Vor allem die moralischen Konflikte und die schwierigen Entscheidungen der Protagonisten verleihen dem Band eine emotionale Tiefe, die über gewöhnliche Lichtschwertkämpfe hinausgeht. Gleichzeitig sorgen Baron Boolan und seine grausamen Experimente für eine interessante Bedrohung, die sich hervorragend in den größeren Handlungsbogen der Hohen Republik einfügt.
Ganz ohne Kritik kommt der Sammelband allerdings nicht davon. Einige dramatische Situationen werden zu bequem aufgelöst, wodurch ihre emotionale Wirkung abgeschwächt wird. Auch die Darstellung der Namenlosen erscheint stellenweise weniger konsequent als in den begleitenden Romanen. Der zusätzliche Kelnacca-One-Shot ist zwar eine nette Ergänzung, bleibt inhaltlich jedoch recht überschaubar. Dennoch überwiegen die positiven Aspekte deutlich. Die überzeugenden Zeichnungen, die gelungenen Figurenbeziehungen und eine bis zum Schluss spannende Handlung machen Die Gejagten zu einer lohnenswerten Lektüre für Fans der Hohen Republik.

