Kaum eine Videospielreihe besitzt eine derart ungewöhnliche Identität wie Kingdom Hearts. Als Square Enix und Disney im Jahr 2002 erstmals ihre Welten miteinander verschmelzen ließen, hätte wohl kaum jemand erwartet, dass daraus eines der beliebtesten und gleichzeitig kompliziertesten Action-Rollenspiel-Franchises der Spielegeschichte entstehen würde. Mehr als zwei Jahrzehnte später ist Soras Reise noch immer nicht abgeschlossen. Mit Kingdom Hearts Collection I–III erscheint nun eine umfangreiche Sammlung für die PlayStation 5, die nahezu die gesamte bisherige Geschichte in einem Paket vereint. Doch während Neueinsteiger hier ein fantastisches Angebot erhalten, fällt das Urteil für langjährige Fans deutlich nüchterner aus.
Denn so umfangreich die Sammlung auch sein mag, wirkliche Neuerungen sucht man nahezu vergeblich. Square Enix hat sich weitgehend darauf beschränkt, bereits veröffentlichte Spiele und Sammlungen erneut zusammenzustellen. Das ist einerseits verständlich, schließlich funktionieren die meisten enthaltenen Abenteuer auch heute noch hervorragend. Andererseits stellt sich die Frage, weshalb Besitzer der bisherigen PlayStation-4-Versionen überhaupt erneut zugreifen sollten. Gerade angesichts der bevorstehenden Veröffentlichung von Kingdom Hearts IV wäre eine technisch und spielerisch stärker überarbeitete Sammlung eine wunderbare Gelegenheit gewesen, die gesamte Reihe auf den neuesten Stand zu bringen. Stattdessen bekommen wir vor allem eines: sehr viel Kingdom Hearts, aber erstaunlich wenig Neues.
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Eine Reise durch mehr als zwei Jahrzehnte Kingdom Hearts
Der größte Pluspunkt der Kingdom Hearts Collection I–III ist zweifellos ihr enormer Umfang. Die Sammlung führt uns von den Anfängen der Reihe auf der PlayStation 2 bis zum bislang letzten großen Hauptteil Kingdom Hearts III. Den Grundstein bilden die bereits bekannten Sammlungen Kingdom Hearts HD 1.5 + 2.5 ReMIX und Kingdom Hearts HD 2.8 Final Chapter Prologue. Hinzu kommt Kingdom Hearts III inklusive der Erweiterung Re Mind. Damit erhalten Spieler Zugriff auf nahezu die gesamte Geschichte rund um Sora, Riku, Kairi, König Micky und die zahlreichen weiteren Figuren, die im Laufe der Jahre eine immer größere Bedeutung erlangt haben.

Besonders für Neueinsteiger ist diese Zusammenstellung interessant. Schließlich verteilt sich die Handlung von Kingdom Hearts nicht ausschließlich auf die nummerierten Hauptteile. Auch die vermeintlichen Ableger besitzen eine enorme Bedeutung für die übergreifende Geschichte. Wer beispielsweise nur Kingdom Hearts, Kingdom Hearts II und Kingdom Hearts III spielt, wird zahlreiche Zusammenhänge kaum nachvollziehen können. Genau deshalb ist eine möglichst vollständige Sammlung so wichtig. Sie ermöglicht es, die Entwicklung der Reihe in einer zusammenhängenden Form nachzuholen und die zahlreichen erzählerischen Verbindungen besser zu verstehen. Allerdings fehlt ausgerechnet ein Titel, der für die weitere Geschichte durchaus relevant sein könnte.
Warum fehlt Kingdom Hearts: Melody of Memory?
Eine der merkwürdigsten Entscheidungen betrifft Kingdom Hearts: Melody of Memory. Das Rhythmusspiel aus dem Jahr 2020 ist nicht Bestandteil der Collection I–III, obwohl es innerhalb der Handlung einige Informationen liefert, die für Kingdom Hearts IV von Bedeutung sein könnten. Das ist besonders deshalb ärgerlich, weil Square Enix seit vielen Jahren darauf besteht, dass nahezu jeder Ableger zur offiziellen Geschichte gehört. Was auf den ersten Blick wie ein harmloses Musikspiel oder ein optionaler Nebenschauplatz erscheint, kann plötzlich wichtige Hinweise auf kommende Ereignisse enthalten. Gerade für eine Sammlung, die sich als umfassender Einstieg in die Welt von Kingdom Hearts anbietet, ist diese Auslassung schwer nachvollziehbar. Natürlich bleibt der Umfang auch ohne Melody of Memory beeindruckend. Trotzdem hätte dessen Einbindung das Gesamtpaket sinnvoll abgerundet. So bleibt ein kleiner, aber durchaus relevanter Makel bestehen.
Kingdom Hearts ist auch heute noch etwas Besonderes
Unabhängig von der technischen Umsetzung lässt sich eine Tatsache kaum bestreiten: Kingdom Hearts gehört weiterhin zu den faszinierendsten Action-Rollenspielreihen überhaupt. Die ungewöhnliche Verbindung aus Disney-Welten, Final-Fantasy-Einflüssen und einer eigenständigen Fantasygeschichte besitzt einen Charme, den kaum ein anderes Franchise reproduzieren konnte. Gerade das ursprüngliche Kingdom Hearts versprüht auch heute noch eine besondere Magie. Die Reise durch bekannte Disney-Schauplätze, die Begegnungen mit beliebten Figuren und das schrittweise Entdecken einer größeren Bedrohung sorgen für eine Atmosphäre, die sich deutlich von gewöhnlichen Rollenspielen unterscheidet.

Natürlich merkt man dem ersten Teil sein Alter mittlerweile an. Einige spielerische Abläufe wirken etwas sperrig und nicht jede Designentscheidung entspricht modernen Standards. Trotzdem besitzt das Abenteuer eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Kingdom Hearts II entwickelt das Kampfsystem anschließend deutlich weiter und gehört für viele Fans bis heute zu den spielerischen Höhepunkten der Reihe. Die Kämpfe werden schneller, spektakulärer und abwechslungsreicher. Gleichzeitig wächst die Geschichte zu einem zunehmend komplexen Geflecht aus unterschiedlichen Figuren, Organisationen und übernatürlichen Kräften heran. Mit Kingdom Hearts III erreicht die Reihe schließlich einen visuellen Höhepunkt, der die bekannten Disney-Welten auf besonders eindrucksvolle Weise präsentiert. Gerade diese Entwicklung über mehrere Konsolengenerationen hinweg macht den Reiz der Sammlung aus.
Eine Geschichte, die gleichermaßen begeistert und verwirrt
Allerdings sollten sich Neueinsteiger auf eine Besonderheit einstellen: Kingdom Hearts besitzt eine ausgesprochen komplizierte Handlung. Was ursprünglich als vergleichsweise unkompliziertes Abenteuer zwischen Licht und Dunkelheit begann, entwickelte sich über die Jahre zu einer Geschichte voller alternativer Identitäten, miteinander verbundener Herzen, verschiedener Zeitebenen und geheimnisvoller Organisationen. Dabei werden immer wieder Figuren eingeführt, deren Bedeutung sich erst viele Stunden später vollständig erschließt. Selbst langjährige Fans müssen gelegentlich überlegen, welche Ereignisse wann stattgefunden haben und wie bestimmte Charaktere miteinander verbunden sind.

Das kann einerseits faszinierend sein. Schließlich belohnt Kingdom Hearts aufmerksame Spieler, die sich intensiv mit seiner Welt beschäftigen. Andererseits verliert sich die Reihe gelegentlich in ihrer eigenen Mythologie. Gerade deshalb ist die Collection I–III für Neulinge eine sinnvolle Veröffentlichung. Wer die Abenteuer möglichst vollständig und in einer nachvollziehbaren Reihenfolge erlebt, hat wesentlich bessere Chancen, die zahlreichen Zusammenhänge zu verstehen. Die Sammlung nimmt einem diese Komplexität zwar nicht ab, erleichtert aber den Zugang zu den unterschiedlichen Kapiteln.
Technisch bleibt vieles beim Alten
So überzeugend der Umfang ausfällt, so ernüchternd präsentiert sich die technische Überarbeitung. Denn Kingdom Hearts Collection I–III ist keine aufwendig modernisierte Neuauflage. Square Enix hat die bereits für PlayStation 4 veröffentlichten Sammlungen weitgehend unverändert übernommen. Das betrifft insbesondere Kingdom Hearts HD 1.5 + 2.5 ReMIX. Die enthaltenen Spiele liefen bereits auf der PlayStation 4 mit 60 Bildern pro Sekunde und profitieren auf der PlayStation 5 deshalb kaum von spürbaren Verbesserungen. Zwar wirkt die Darstellung stellenweise etwas schärfer, allerdings fallen diese Unterschiede im direkten Vergleich ausgesprochen gering aus.

Neue Texturen, umfangreiche grafische Überarbeitungen oder zusätzliche spielerische Funktionen sucht man vergeblich. Gerade für langjährige Fans ist das enttäuschend. Schließlich hätten die Entwickler die Gelegenheit nutzen können, einige der älteren Abenteuer behutsam zu modernisieren. Stattdessen bleibt das Spielerlebnis nahezu identisch mit den bisherigen Veröffentlichungen. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, denn die vorhandenen HD-Versionen waren bereits gelungen. Allerdings fehlt dadurch ein überzeugendes Argument für einen erneuten Kauf.
Re Mind rundet das dritte Abenteuer ab
Erfreulich ist immerhin, dass die Erweiterung Re Mind bereits Bestandteil der Sammlung ist. Diese ergänzt Kingdom Hearts III um zusätzliche Inhalte und vertieft bestimmte Ereignisse der Handlung. Gerade für Spieler, die den dritten Hauptteil bislang ausschließlich in seiner ursprünglichen Form erlebt haben, ist das eine sinnvolle Ergänzung. Re Mind erweitert das Gesamtbild und bietet zusätzliche Herausforderungen für erfahrene Spieler. Damit präsentiert sich Kingdom Hearts III innerhalb der Collection I–III in einer umfangreicheren Fassung. Allerdings gilt auch hier, dass sämtliche Inhalte bereits zuvor erhältlich waren. Wer Kingdom Hearts III und die Erweiterung schon besitzt, erhält keine neuen Abenteuer oder exklusiven Zusatzinhalte.

Hunderte Spielstunden für Neueinsteiger
Die größte Stärke der Collection I–III bleibt der enorme Gegenwert für alle, die bislang noch keinen Kontakt mit der Reihe hatten. Mit den enthaltenen Hauptteilen, Ablegern und zusätzlichen Inhalten können problemlos mehrere Hundert Spielstunden zusammenkommen. Dabei beschränkt sich das Angebot nicht ausschließlich auf die Hauptgeschichten. Zahlreiche optionale Herausforderungen, freischaltbare Inhalte und besonders anspruchsvolle Kämpfe sorgen dafür, dass sich die einzelnen Abenteuer auch über ihre eigentliche Handlung hinaus beschäftigen lassen.

Wer gerne umfangreiche Action-Rollenspiele spielt, bekommt hier entsprechend viel geboten. Besonders interessant ist außerdem die Möglichkeit, die Entwicklung der Spielreihe unmittelbar nachzuvollziehen. Vom vergleichsweise überschaubaren Kampfsystem des ersten Kingdom Hearts bis zu den spektakulären Auseinandersetzungen des dritten Hauptteils lässt sich hervorragend beobachten, wie sich die Mechaniken über die Jahre verändert haben. Auch die Inszenierung hat sich kontinuierlich weiterentwickelt. Während die frühen Spiele noch deutlich von den technischen Grenzen der PlayStation 2 geprägt waren, präsentiert Kingdom Hearts III eine wesentlich aufwendigere und cineastischere Darstellung. Diese Reise durch die Geschichte der Reihe besitzt einen besonderen Reiz.
Für langjährige Fans fehlt der Kaufanreiz
So leicht sich die Collection I–III Neueinsteigern empfehlen lässt, so schwierig fällt die Bewertung für erfahrene Kingdom-Hearts-Spieler aus. Wer bereits die bisherigen HD-Sammlungen auf der PlayStation 4 besitzt, hat praktisch sämtliche relevanten Inhalte schon in seiner Bibliothek. Die neue Zusammenstellung bietet keine grundlegenden technischen Verbesserungen und auch keine zusätzlichen spielerischen Funktionen. Selbst bei Kingdom Hearts III beschränken sich die auffälligsten Vorteile auf die stabilere Bildrate und kleinere visuelle Verbesserungen.

Das ist zwar angenehm, aber kein ausreichender Grund, um sämtliche Spiele erneut zu kaufen. Besonders schade ist, dass Square Enix auf zusätzliche Extras verzichtet hat. Eine umfangreiche Sammlung dieser Art hätte sich hervorragend für ergänzende Hintergrundinformationen, Konzeptzeichnungen oder eine ausführlichere Aufbereitung der komplizierten Handlung angeboten. Auch kleinere Komfortverbesserungen bei älteren Spielen wären willkommen gewesen. Stattdessen konzentriert sich die Veröffentlichung nahezu vollständig darauf, bereits bekannte Inhalte erneut anzubieten. Für Sammler mag das trotzdem interessant sein. Spielerisch entsteht daraus allerdings kaum ein Mehrwert.
Fazit
Kingdom Hearts Collection I–III ist eine Veröffentlichung mit zwei vollkommen unterschiedlichen Gesichtern. Für Neueinsteiger handelt es sich um eine hervorragende Möglichkeit, eine der ungewöhnlichsten und beliebtesten Action-Rollenspielreihen der vergangenen Jahrzehnte kennenzulernen. Die Sammlung umfasst nahezu sämtliche wichtigen Abenteuer von den Anfängen auf der PlayStation 2 bis zu Kingdom Hearts III inklusive Re Mind.

Damit bietet sie nicht nur einen enormen Umfang, sondern auch die Gelegenheit, die komplizierte Geschichte rund um Sora und seine Freunde möglichst vollständig nachzuholen. Und diese Abenteuer haben auch heute noch ihren ganz besonderen Reiz. Die Mischung aus Disney-Magie, emotionalen Geschichten, spektakulären Kämpfen und einer zunehmend komplexen Mythologie besitzt eine Identität, die bis heute einzigartig geblieben ist. Gerade Kingdom Hearts II und Kingdom Hearts III können spielerisch weiterhin überzeugen.

Kingdom Hearts Collection I–III
Kingdom Hearts Collection I–III-
Spielspaß90/100 Amazing
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Grafik80/100 Very good
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Gameplay80/100 Very good
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Sound80/100 Very good
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Umfang80/100 Very good
Positiv
- Nahezu die gesamte Kingdom-Hearts-Saga in einer Sammlung
- Kingdom Hearts III inklusive Re Mind
- Hervorragender Einstieg für Neueinsteiger
Negativ
- Kingdom Hearts: Melody of Memory fehlt
- Keine grundlegenden grafischen Überarbeitungen
- Für Besitzer der bisherigen Sammlungen kaum Kaufanreiz

