Mit James Bond verbindet man sofort ikonische Filme, legendäre Gadgets und einige der bekanntesten Agentengeschichten der Popkultur. Umso größer war die Herausforderung für IO Interactive, nach mehr als einem Jahrzehnt ohne großes Bond-Spiel eine völlig neue Interpretation des Geheimagenten zu erschaffen. Statt sich auf bekannte Filmvorlagen zu stützen, erzählt 007 First Light die Ursprungsgeschichte eines jungen, unerfahrenen Bond und liefert dabei eines der stärksten Einzelspieler-Abenteuer des Jahres. Bereits nach wenigen Spielstunden wird deutlich, dass IO Interactive nicht einfach nur einen weiteren Actiontitel entwickelt hat. Vielmehr vereint First Light die filmische Inszenierung eines Uncharted mit den offenen Missionsansätzen der Hitman-Reihe und erschafft daraus eine eigenständige Bond-Erfahrung, die sich sowohl vertraut als auch erfrischend neu anfühlt.
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Die Geburt eines Doppelnull-Agenten
Die Geschichte beginnt weit vor den bekannten Missionen des legendären Geheimagenten. James Bond dient zunächst als Luftwaffenoffizier der Royal Navy, bevor ein dramatischer Hubschrauberabsturz über Island sein Leben grundlegend verändert. Schnell wird er von MI6 rekrutiert und beginnt seinen Weg zum berühmtesten Agenten der Welt. Dabei nimmt sich das Spiel erstaunlich viel Zeit für seine Figuren. Trainingseinheiten in Malta, erste Begegnungen mit M, Q und Moneypenny sowie die Ausbildung zum Doppelnull-Agenten sorgen dafür, dass Bond glaubwürdig als junger, impulsiver Rekrut dargestellt wird. Seine Entwicklung vom draufgängerischen Neuling zum cleveren Agenten gehört zu den größten Stärken der Kampagne. Auch die neuen Figuren überzeugen. Mit den Mitstreitern Cressida und Monroe entsteht schnell eine sympathische Dynamik, während Ausbilder John Greenway als ehemaliger Doppelnull-Agent eine interessante Vaterfigur mit harter Schale verkörpert. Die Dialoge sind clever geschrieben und schaffen es, den Charakteren Persönlichkeit zu verleihen, ohne dabei den Fokus auf das eigentliche Abenteuer zu verlieren.

Hitman trifft Uncharted
Der wohl treffendste Vergleich lautet tatsächlich „Uncharted trifft Hitman“. Der Großteil der Kampagne setzt auf eine lineare, cineastische Inszenierung mit spektakulären Schauplätzen rund um den Globus. Von London über die Slowakei bis nach Mauretanien und Vietnam führt die Reise durch abwechslungsreiche und hervorragend gestaltete Umgebungen. Besonders stark wird First Light jedoch immer dann, wenn es den Spieler von der Leine lässt. In mehreren großen Sandbox-Missionen zeigt sich die DNA der Hitman-Entwickler besonders deutlich. Hier kann Bond sein Ziel auf unterschiedliche Arten erreichen, alternative Wege entdecken oder sich durch geschickte Gespräche Zugang zu gesperrten Bereichen verschaffen. Gerade das neue Bluff-System passt perfekt zur Figur. Statt jede Situation mit Gewalt zu lösen, kann Bond Verdächtigungen geschickt entkräften oder sich aus brenzligen Situationen herausreden. Diese Momente vermitteln das Gefühl, tatsächlich in die Rolle des berühmten Geheimagenten zu schlüpfen.

Vielseitiges Gameplay mit Bond-Flair
Neben Stealth und Gesprächen kommen natürlich auch Actionfans auf ihre Kosten. Bond verfügt über verschiedene Gadgets, die kreative Lösungswege ermöglichen und für zusätzliche Abwechslung sorgen. Wird er entdeckt, wechseln die Missionen oft nahtlos in Nahkämpfe oder Schusswechsel. Das Kampfsystem bleibt zwar relativ simpel, funktioniert aber zuverlässig. Angriffe können pariert, Griffe gekontert und Gegner mit spektakulären Umgebungs-Takedowns ausgeschaltet werden. Besonders die übertriebenen Actionmomente erinnern dabei angenehm an die großen Kinovorlagen. Die Feuergefechte selbst bieten reichlich Spektakel, wirken jedoch gelegentlich etwas überladen. Nicht selten prasseln Gegner aus allen Richtungen auf den Spieler ein, sodass sich manche Kämpfe eher wie ein Actionfilm als eine Geheimagentenmission anfühlen.

Das sorgt zwar für Unterhaltung, steht aber gelegentlich im Widerspruch zum sonst eher taktischen Ansatz. Abseits der Hauptkampagne bietet First Light mit dem sogenannten TacSim-Modus zusätzliche Herausforderungen. Hier gilt es, spezielle Szenarien zu meistern und die eigenen Fähigkeiten in Stealth, Nahkampf oder Schusswechseln unter Beweis zu stellen. Die einzelnen Missionen sind zwar zum Start noch überschaubar, besitzen dank Online-Ranglisten und Wertungssystemen jedoch ein hohes Wiederspielpotenzial. Angesichts der hervorragenden Langzeitunterstützung, die IO Interactive bereits bei Hitman bewiesen hat, dürfte dieser Modus in Zukunft noch deutlich wachsen.

Technisch beeindruckend mit kleinen Schwächen
Optisch hinterlässt 007 First Light einen hervorragenden Eindruck. Die Schauplätze sind detailliert gestaltet und profitieren sichtbar von der Erfahrung, die IO Interactive bei der Entwicklung großer Sandbox-Umgebungen gesammelt hat. Vor allem auf der PlayStation 5 Pro überzeugt das Spiel mit einer stabilen Bildrate und beeindruckender Bildqualität. Auf der Standard-PS5 zeigen sich allerdings kleinere Schwächen. Die Performance erreicht zwar meist die angestrebten 60 Bilder pro Sekunde, bei besonders chaotischen Feuergefechten kommt es jedoch vereinzelt zu spürbaren Einbrüchen. Zudem wirkt der Performance-Modus stellenweise etwas unscharf. Noch weniger gelungen sind die Fahrsequenzen. Die Fahrzeugsteuerung versucht zu stark, dem Spieler unter die Arme zu greifen, wodurch sich Sportwagen häufig schwammig und unpräzise fahren. Gerade in einem Bond-Spiel, in dem Verfolgungsjagden traditionell eine wichtige Rolle spielen, fällt dieser Schwachpunkt stärker auf als erwartet.

Fazit
007 First Light gelingt das Kunststück, eine völlig neue Interpretation von James Bond zu erschaffen und dabei dennoch den Geist der Vorlage einzufangen. Die Geschichte überzeugt mit sympathischen Figuren und einer glaubwürdigen Entwicklung des jungen Agenten, während die Mischung aus filmischer Action und offenen Sandbox-Missionen hervorragend funktioniert.Die wenigen technischen Schwächen sowie die etwas misslungenen Fahrpassagen verhindern zwar die absolute Spitzenwertung, ändern jedoch nichts daran, dass IO Interactive einen beeindruckenden Neustart für die Marke gelungen ist. Wer schon immer wissen wollte, wie James Bond zu James Bond wurde, erhält hier ein spannendes, abwechslungsreiches und äußerst unterhaltsames Agentenabenteuer.

