Seit Jahrzehnten zählt die R-Type-Reihe zu den bekanntesten Shoot’em-up-Serien überhaupt. Mit ihrem kompromisslosen Schwierigkeitsgrad, ikonischen Bosskämpfen und dem einzigartigen Force-Waffensystem etablierte sich die Serie als echter Genre-Klassiker. Als 2007 mit R-Type Tactics plötzlich ein rundenbasiertes Strategiespiel erschien, überraschte das viele Fans. Statt Reflexen standen nun Planung, Positionierung und Ressourcenmanagement im Mittelpunkt. Zwei Jahre später folgte mit R-Type Tactics II: Operation Bitter Chocolate eine Fortsetzung, die Japan allerdings nie verließ. Mit R-Type Tactics I • II Cosmos bringt Granzella nun beide Titel erstmals gemeinsam auf moderne Plattformen. Neben einer komplett überarbeiteten Präsentation erhält insbesondere der zweite Teil endlich seine längst überfällige internationale Veröffentlichung. Herausgekommen ist eine umfangreiche Strategiespiel-Sammlung, die ihre Arcade-Wurzeln hervorragend einfängt, sich aber gleichzeitig an einigen Designentscheidungen der damaligen Zeit festklammert.
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Ein Krieg gegen die Bydo aus zwei Perspektiven
Die Handlung beginnt klassisch für die Serie. Als Kommandant der Earth Space Corps führt ihr eine Flotte gegen das biomechanische Bydo-Imperium, das erneut die Menschheit bedroht. Schnell wird deutlich, dass der Konflikt weit größere Ausmaße besitzt als zunächst angenommen. Besonders interessant wird die Kampagne im späteren Verlauf, wenn sich die Perspektive ändert und ihr plötzlich selbst die Bydo übernehmt. Dadurch entstehen völlig neue taktische Möglichkeiten und gleichzeitig ein spannender Blick auf den ewigen Krieg beider Fraktionen. R-Type Tactics II baut dieses Konzept noch weiter aus. Neben dem Konflikt mit den Bydo geraten verschiedene menschliche Gruppierungen aneinander. Politische Spannungen, Bürgerkrieg und unterschiedliche Ideologien sorgen für deutlich mehr erzählerische Tiefe als im ersten Spiel. Dank verzweigter Missionspfade und verschiedener Entscheidungen entwickelt sich die Geschichte zudem nicht immer identisch. Trotzdem bleibt die Story insgesamt eher funktional. Wer komplexe Charakterentwicklungen oder emotionale Wendungen wie in Fire Emblem oder Final Fantasy Tactics erwartet, wird enttäuscht.

Gelungene Neuauflage mit beeindruckender Optik
Optisch hat Granzella hervorragende Arbeit geleistet. Sämtliche Einheiten wurden modernisiert, ohne den ursprünglichen Stil der Reihe zu verlieren. Die verschiedenen Raumschiffe, Force-Module und gigantischen Bydo-Konstruktionen sehen detaillierter aus denn je und behalten dennoch ihren unverwechselbaren Charakter. Vor allem die Bossgegner beeindrucken durch ihre Größe und aufwendig animierten Angriffe. Riesige biomechanische Festungen dominieren den Bildschirm und erinnern eindrucksvoll an die spektakulären Endgegner der Shoot’em-up-Vorlagen. Auch die Hintergründe profitieren von der Generalüberholung. Organische Alien-Strukturen wechseln sich mit Raumstationen, Asteroidenfeldern und bizarren Dimensionseffekten ab. Farben, Beleuchtung und Partikeleffekte sorgen dafür, dass nahezu jede Mission optisch abwechslungsreich wirkt. Während der Kämpfe werden Angriffe in kleinen 3D-Sequenzen dargestellt. Zwar überspringt man diese Animationen später häufig, doch gerade zu Beginn tragen sie viel zur Atmosphäre bei. Abgerundet wird das Gesamtbild von einem gelungenen Soundtrack und einer passenden englischen Sprachausgabe, die den militärischen Ton der Kampagnen glaubwürdig unterstreichen.

Strategie mit den Genen eines Shoot’em-ups
Das eigentliche Herzstück von R-Type Tactics I • II Cosmos ist natürlich das Kampfsystem. Jede Runde bewegt ihr sämtliche Einheiten eurer Flotte, bevor der Gegner seinen Zug ausführt. Dabei greifen viele bekannte Mechaniken klassischer Strategie-RPGs, doch gleichzeitig bringt R-Type zahlreiche Eigenheiten der Shoot’em-up-Reihe mit. Das berühmte Force-System spielt dabei eine zentrale Rolle. Die modularen Waffen können an Raumschiffe angedockt oder unabhängig eingesetzt werden. Das kostet zwar einen Spielzug, eröffnet anschließend aber völlig neue Angriffs- und Verteidigungsmöglichkeiten. Hinzu kommt eine weitere Besonderheit: Die gesamte Schlacht verläuft grundsätzlich von links nach rechts. Geladene Schüsse feuern eure Schiffe ausschließlich nach vorne ab, während die Gegner entsprechend aus der Gegenrichtung angreifen. Dadurch entsteht eine ungewöhnliche Dynamik, die Positionierung noch wichtiger macht als in vielen anderen Genrevertretern. Mit zunehmender Spieldauer wächst eure Flotte stetig an. Artillerieschiffe, Versorgungseinheiten, mobile Basen, riesige Schlachtschiffe und Spezialfahrzeuge mit Phasenantrieb verlangen immer komplexere taktische Überlegungen. Ressourcenverwaltung, Munition, Treibstoff und Reparaturen spielen dabei ebenso eine Rolle wie die optimale Formation der eigenen Streitkräfte. Gerade Veteranen werden schnell erkennen, wie geschickt Granzella die DNA der klassischen R-Type-Spiele in ein rundenbasiertes Strategiesystem übertragen hat.

Anspruchsvoll bis zur Schmerzgrenze
Die größte Stärke des Spiels ist gleichzeitig seine größte Schwäche: der enorme Anspruch. Bereits früh verlangen die Missionen präzise Planung. Später kommen Nebel des Krieges, Wasserkarten, vertikale Schlachtfelder, Zeitlimits oder Phasenfähigkeiten hinzu, welche die gewohnten Strategien ständig auf den Kopf stellen. Das sorgt für enorm abwechslungsreiche Gefechte, macht den Einstieg aber unnötig schwer. Hinzu kommt, dass das Spiel praktisch keinerlei Hilfestellung bietet. Ein richtiges Tutorial existiert nicht. Stattdessen werden Spieler mit langen Textwänden und Fachbegriffen konfrontiert, deren Bedeutung oft erst nach mehreren verlorenen Missionen wirklich klar wird. Auch zahlreiche Statuswerte und Spezialfähigkeiten werden nur unzureichend erklärt. Wer nicht experimentiert oder bewusst scheitert, wird viele Mechaniken zunächst gar nicht verstehen. Dieses klassische „Trial-and-Error“-Prinzip erinnert stark an alte Strategiespiele der 90er und frühen 2000er-Jahre. Für Veteranen mag das nostalgisch wirken, Neueinsteiger könnten jedoch schnell frustriert aufgeben.

Neben dem fehlenden Tutorial zeigt sich auch die Benutzeroberfläche nicht immer zeitgemäß. Gerade in späteren Missionen kontrolliert ihr mehrere Dutzend Einheiten gleichzeitig. Jede einzelne muss separat angewählt, bewegt und befehligt werden. Selbst bei maximaler Animationsgeschwindigkeit ziehen sich manche Runden dadurch unnötig in die Länge. Zwar wurden Menüs modernisiert und zahlreiche Komfortfunktionen ergänzt, dennoch merkt man jederzeit, dass unter der Oberfläche noch immer ein Strategiespiel aus dem Jahr 2007 steckt. Wer Geduld mitbringt, wird darüber hinwegsehen können. Wer moderne Genrevertreter wie XCOM 2 oder Fire Emblem: Three Houses gewohnt ist, dürfte den Spielfluss jedoch häufig als zäh empfinden.
Riesiger Umfang für Strategiefans
Dafür überzeugt der Umfang umso mehr. Beide Spiele bieten zusammen mehrere umfangreiche Kampagnen mit zahlreichen Missionspfaden und unterschiedlichen Fraktionen. Da ihr im Laufe der Geschichte sowohl die Menschheit als auch die Bydo kontrolliert, verdoppeln sich viele taktische Möglichkeiten praktisch von selbst. Hinzu kommen unzählige freischaltbare Einheiten, Technologiepfade und alternative Strategien, die für enormen Wiederspielwert sorgen. Wer bereit ist, Zeit in das komplexe System zu investieren, kann problemlos viele Dutzend Stunden mit R-Type Tactics I • II Cosmos verbringen.
Fazit
R-Type Tactics I • II Cosmos ist eine hervorragende Neuauflage zweier außergewöhnlicher Strategieklassiker. Die modernisierte Präsentation überzeugt auf ganzer Linie und transportiert den unverwechselbaren Stil der Serie eindrucksvoll ins Jahr 2026. Gleichzeitig gelingt es Granzella, die einzigartigen Spielmechaniken der klassischen Shoot’em-ups überraschend elegant in rundenbasierte Gefechte zu übertragen. Allerdings richtet sich die Sammlung klar an erfahrene Strategen und langjährige Fans der Reihe. Das fehlende Tutorial, die teilweise sperrige Benutzeroberfläche und der hohe Schwierigkeitsgrad verlangen viel Geduld und Einarbeitung. Wer sich darauf einlässt, erhält jedoch eines der ungewöhnlichsten und tiefgründigsten Strategie-RPGs der letzten Jahre, eine kompromisslose Hommage an R-Type, die ihre Wurzeln nie vergisst.

