Mit Shuten Order versucht Acquire ein ungewöhnliches Konzept umzusetzen. Eine Protagonistin erwacht ohne Erinnerungen, erfährt kurz darauf, dass sie ermordet wurde und nun innerhalb weniger Tage ihren eigenen Killer finden muss. Klingt nach einem starken Einstieg, und genau das liefert das Spiel auch. Rei, die Hauptfigur, bewegt sich in einer von einer Sekte kontrollierten Stadt, in der göttliche Einflüsse als Ketzerei gelten. Gleichzeitig wird sie von Engeln unterstützt, die ihr helfen, das Rätsel ihres Todes zu lösen. Diese Ausgangssituation sorgt für eine spannende Mischung aus Mystery, Thriller und übernatürlichen Elementen.
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Fünf Wege, ein Ziel
Das Besondere an Shuten Order ist seine Struktur. Die Geschichte ist in fünf verschiedene Abschnitte unterteilt, die jeweils einem Ministerium gewidmet sind und unterschiedliche Genres bedienen. Diese reichen von klassischen Murder Mystery Szenarien über Escape Room Sequenzen bis hin zu Stealth Horror Abschnitten. Die Idee dahinter ist ambitioniert und sorgt zunächst für Abwechslung. Jeder Abschnitt bringt eigene Mechaniken, Figuren und Perspektiven mit sich. In der Praxis zeigt sich jedoch schnell das größte Problem des Spiels. Keiner dieser Ansätze wird wirklich vollständig ausgearbeitet. Stattdessen fühlt sich jeder Modus wie eine verkürzte Version eines größeren Spiels an. Besonders deutlich wird das bei den einzelnen Routen. Das Justizministerium erinnert an klassische Detektivspiele und bietet solide Ermittlungsarbeit, bleibt aber in seiner Komplexität begrenzt. Andere Abschnitte, wie das Gesundheitsministerium, wirken hingegen deutlich schwächer und bieten kaum echte Entscheidungen oder Spannung. Am stärksten ist die Route des Wissenschaftsministeriums. Hier überzeugt das Spiel mit mehreren spielbaren Figuren, interessanten Wendungen und einem stärkeren Fokus auf Entscheidungen. Diese Abschnitte zeigen, welches Potenzial in Shuten Order steckt. Leider bleibt dieser Qualitätsstandard nicht konstant. Viele andere Teile wirken unausgereift oder zu simpel, wodurch das Gesamtbild uneinheitlich wirkt.

Struktur als Stärke und Schwäche
Die nicht lineare Erzählweise ist gleichzeitig eine der interessantesten und problematischsten Ideen des Spiels. Spieler können selbst entscheiden, in welcher Reihenfolge sie die einzelnen Routen erleben. Das sorgt für Freiheit, erschwert aber die Dramaturgie. Da das Spiel nicht weiß, welche Informationen der Spieler bereits kennt, wirken manche Enthüllungen unpassend oder verlieren an Wirkung. Foreshadowing funktioniert kaum, da wichtige Details möglicherweise zu früh oder zu spät entdeckt werden. Gerade im späteren Verlauf führt das dazu, dass man die großen Twists bereits kennt, während das Spiel sie noch aufbauen möchte. Das nimmt der Geschichte einen Teil ihrer Spannung. Visuell bietet Shuten Order einige gelungene Designs. Die Charaktere sind abwechslungsreich gestaltet und die verschiedenen Szenarien unterscheiden sich deutlich voneinander. Trotz begrenzter Mittel schafft es das Spiel, eine eigene Identität zu entwickeln.

Die Inszenierung bleibt jedoch oft statisch. Viele Szenen bestehen aus einfachen Standbildern mit Text, was die Präsentation etwas altbacken wirken lässt. Der Soundtrack hingegen überzeugt und unterstützt die unterschiedlichen Stimmungen der einzelnen Abschnitte sehr gut. Auch die japanische Sprachausgabe ist gelungen und trägt viel zur Atmosphäre bei.

Lokalisierung als größtes Problem
Ein deutlicher Schwachpunkt ist die Übersetzung. Trotz nachträglicher Updates gibt es weiterhin zahlreiche Probleme. Texte passen nicht in die vorgesehenen Felder, verschwinden teilweise vom Bildschirm oder wirken sprachlich unlogisch. Besonders kritisch ist die inkonsistente Verwendung von Pronomen, was in einem Spiel, in dem Identität eine wichtige Rolle spielt, störend auffällt. Diese Probleme beeinträchtigen das Verständnis der Handlung und hätten mit mehr Feinschliff vermieden werden können. Shuten Order ist ein Spiel, das viele spannende Ansätze vereint, aber an seiner eigenen Vielfalt scheitert. Statt sich auf eine klare Richtung zu konzentrieren, versucht es, mehrere Genres gleichzeitig abzudecken. Das führt dazu, dass kein Element wirklich heraussticht. Jeder Modus hat interessante Ansätze, doch keiner wird so weit ausgearbeitet, wie er es verdient hätte. Dadurch entsteht das Gefühl, dass das Spiel ständig sein eigenes Potenzial andeutet, es aber nie vollständig ausschöpft.

Fazit
Shuten Order ist ein interessantes, aber etwas unausgereiftes Erlebnis. Die Grundidee rund um den eigenen Mordfall und die verschiedenen Perspektiven ist stark und sorgt für viele spannende Momente. Gleichzeitig verhindern die schwankende Qualität der einzelnen Abschnitte, die Probleme in der Erzählstruktur und die mangelhafte Lokalisierung, dass das Spiel wirklich glänzen kann. Wer sich auf die ungewöhnliche Struktur einlässt und über die technischen Schwächen hinwegsehen kann, findet hier eine unterhaltsame Visual Novel, die wirklich stilistisch großartig aussieht und häufig beeindrucken kann sowie mit einigen gelungenen Ideen punkten kann. Ein echtes Highlight bleibt jedoch aus.

