Rennspiele und Geschichten passen normalerweise ungefähr so gut zusammen wie Öl und Wasser. Zwar versuchen viele Titel, ihren Rennen mit einer Handlung mehr Bedeutung zu verleihen, doch meist dienen diese lediglich als Vorwand, um den Spieler von Strecke zu Strecke zu schicken. Screamer geht einen völlig anderen Weg. Das neue Rennspiel von Milestone verbindet futuristische Arcade-Rennen mit einer Visual-Novel-artigen Erzählstruktur und macht die Geschichte zu einem ebenso wichtigen Bestandteil wie die eigentlichen Rennen. Schon bei der Ankündigung weckte Screamer Erinnerungen an Klassiker wie Redline, Ōban Star-Racers oder NASCAR Racers. Futuristische Fahrzeuge, überzeichnete Charaktere und eine düstere Cyberpunk-Welt klangen nach einer Mischung, die wie geschaffen für Fans von Anime und Highspeed-Action wirkt. Die gute Nachricht: Vieles davon funktioniert erstaunlich gut. Die schlechte Nachricht: Das eigentliche Fahrgefühl kann nicht immer mit den ambitionierten Ideen mithalten.
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Ein Cyberpunk-Turnier um 100 Milliarden Dollar
Die Handlung spielt in einer dystopischen Zukunft, in der die Erde von Megakonzernen kontrolliert wird und Konflikte zum Alltag gehören. In dieser Welt erfreut sich eine illegale Rennserie namens Screamer wachsender Beliebtheit. Die Fahrer werden wie Rockstars gefeiert und riskieren bei jedem Rennen ihr Leben. Im Mittelpunkt steht ein gigantisches Turnier, das vom mysteriösen Mr. A organisiert wird. Der Hauptpreis beträgt unglaubliche 100 Milliarden Dollar. Entsprechend unterschiedlich fallen die Teilnehmer aus. Soldaten, Wissenschaftler, Konzernbosse, Pop-Idole und sogar Mitglieder der Yakuza treten gegeneinander an. Gerade zu Beginn kann die Vielzahl an Figuren etwas überwältigend wirken.
Es fühlt sich fast so an, als würde man mitten in einer laufenden Anime-Staffel einsteigen. Die Charaktere kennen sich bereits, haben gemeinsame Vergangenheit und verfolgen eigene Ziele. Erst nach und nach setzt sich das Gesamtbild zusammen. Die Geschichte springt regelmäßig zwischen unterschiedlichen Perspektiven hin und her. Das sorgt zwar für Abwechslung, macht es aber anfangs nicht leichter, den Überblick zu behalten. Wer jedoch dranbleibt, wird mit einer überraschend spannenden Handlung belohnt, die voller Intrigen, Geheimnisse, Rivalitäten und unerwarteter Wendungen steckt. Besonders die späteren Kapitel entwickeln einen enormen Sog. Einige vermeintliche Antagonisten entpuppen sich als deutlich vielschichtigere Figuren, als es zunächst den Anschein hat. Vor allem das völlig eskalierende Finale erinnerte mich stark an klassische 90er-Jahre-Anime und sorgte dafür, dass ich unbedingt wissen wollte, wie alles endet.

Visual Novel trifft Rennspiel
Etwa die Hälfte der Spielzeit verbringt man tatsächlich mit Dialogen, Zwischensequenzen und Story-Episoden. Die andere Hälfte gehört den Rennen. Screamer verfolgt dabei einen ungewöhnlichen Ansatz. Statt klassischer Rennspielsteuerung wird das Fahrzeug mit dem linken Stick gelenkt, während der rechte Stick ausschließlich für Drifts zuständig ist. Das klingt zunächst seltsam und fühlt sich auch genauso an. Die ersten Rennen waren für mich ein echter Kampf gegen die Steuerung. Nach einigen Stunden entwickelte sich daraus jedoch ein erstaunlich interessantes Fahrgefühl, das an eine Mischung aus Wipeout und Arcade-Drift-Racern erinnert. Drifts sind der Schlüssel zum Erfolg. Wer Kurven elegant miteinander verbindet, baut Geschwindigkeit auf und generiert wertvolle Ressourcen.

Das Echo-System bringt frischen Wind ins Genre
Im Mittelpunkt des Gameplays steht das sogenannte Echo-System. Innerhalb der Spielwelt handelt es sich um eine revolutionäre Technologie, die Fahrer vor dem Tod bewahren kann. Spielerisch bedeutet das zunächst, dass man nach einer Explosion direkt wieder ins Rennen zurückkehrt. Darüber hinaus erzeugt das Echo aber zwei wichtige Ressourcen: Sync und Entropy. Sync wird durch hohe Geschwindigkeiten und perfekte Gangwechsel aufgebaut. Mit Sync lassen sich Boosts aktivieren. Gleichzeitig erzeugt jede Nutzung Entropy. Entropy dient wiederum als Waffe. Wer genügend davon gesammelt hat, kann gegnerische Fahrzeuge rammen und zerstören. Alternativ kann die Energie genutzt werden, um sich selbst vor Angriffen zu schützen.
Dieses Ressourcenmanagement sorgt für überraschend viel Tiefe. Es reicht nicht, einfach nur schnell zu fahren. Man muss ständig entscheiden, ob man seine Energie für Geschwindigkeit, Verteidigung oder aggressive Manöver einsetzt. Besonders spannend wird es durch den Overdrive-Modus. Sobald die Entropy-Anzeige voll ist, verwandelt sich das Fahrzeug für kurze Zeit in eine regelrechte Waffe auf Rädern. Gegner werden bei Berührung zerstört, während bereits ein kleiner Fehler gegen die Streckenbegrenzung das eigene Aus bedeuten kann. Dieses Risiko-Belohnungs-System sorgt regelmäßig für spektakuläre Rennverläufe und dramatische Entscheidungen in den letzten Sekunden.

Großartige Ideen, schwierige Umsetzung
So spannend die Systeme auch sind, mit dem eigentlichen Fahrgefühl hatte ich oft meine Probleme. Die Fahrzeuge wirken überraschend schwer und träge. Gerade bei den engen und technisch anspruchsvollen Strecken kommt es häufig vor, dass man das Gefühl hat, eher mit dem Auto zu kämpfen als mit den Gegnern. Besonders die hohe Geschwindigkeit harmoniert nicht immer mit dem Gewicht der Fahrzeuge. Präzise Korrekturen fallen schwer und viele Kurven fühlen sich unnötig rutschig an. Zusätzlich verlangt die KI dem Spieler einiges ab. Selbst auf niedrigen Schwierigkeitsgraden bleiben viele Rennen anspruchsvoll. Besonders die Story-Missionen mit speziellen Zielen können schnell frustrierend werden. Manche Aufgaben verlangen etwa die Eliminierung eines bestimmten Fahrers, während gleichzeitig eine gute Platzierung erreicht werden muss. Gerade in der ersten Spielhälfte wirkt das Balancing teilweise unausgewogen.

Umfangreiches Gesamtpaket
In Sachen Inhalt liefert Screamer jedoch ordentlich ab. Insgesamt warten 71 Episoden auf den Spieler, die gemeinsam rund 20 Stunden Spielzeit bieten. Hinzu kommen zahlreiche freischaltbare Charaktere, Fahrzeuge, Anpassungsoptionen und zusätzliche Rennstrecken. Auch der Splitscreen-Modus verdient Lob. Gerade Teamrennen entfalten mit echten Mitspielern deutlich mehr Potenzial als mit KI-Partnern. Besonders beeindruckend ist dabei die technische Leistung. Selbst mit mehreren Spielern gleichzeitig bleibt die Bildrate stabil. Optisch hinterlässt Screamer einen zwiespältigen Eindruck.
Die Zwischensequenzen stammen vom renommierten Animationsstudio Polygon Pictures und versprühen den Charme klassischer Cyberpunk-Anime. Charakterdesign, Menüs und Episodenstruktur erinnern stark an eine animierte Serie. Die eigentlichen Rennen schlagen jedoch eine völlig andere Richtung ein. Statt eines Anime-Looks setzt Milestone auf relativ realistische Grafik. Beides sieht für sich genommen gut aus, harmoniert aber nicht immer miteinander. Ein konsequenter Cel-Shading-Stil hätte die unterschiedlichen Spielbereiche vermutlich besser miteinander verbunden. Dafür überzeugen die Strecken mit abwechslungsreichen Umgebungen. Von Neon-Metropolen über verlassene Flugzeugfriedhöfe bis hin zu dichten Wäldern bietet das Spiel zahlreiche eindrucksvolle Schauplätze.

Fantastischer Soundtrack und starke Sprecher
Besonders hervorheben muss man die Audiopräsentation. Der Soundtrack passt perfekt zur düsteren Zukunftswelt und liefert eine Mischung aus elektronischen Beats, Synthwave-Klängen und harten Gitarrenriffs. Selbst nach mehreren Wiederholungen schwieriger Rennen blieb die Musik motivierend. Auch die Synchronisation ist überraschend hochwertig. Neben bekannten Stimmen wie Troy Baker setzt Screamer auf internationale Sprecher, die ihre Rollen in der jeweiligen Muttersprache vertonen. Dadurch entsteht eine glaubwürdige globale Welt, in der Charaktere Englisch, Japanisch, Französisch, Niederländisch oder Hindi sprechen. Das verleiht den Dialogen eine besondere Authentizität.

Fazit
Screamer ist eines der mutigsten Rennspiele der letzten Jahre. Die Mischung aus Visual Novel und futuristischem Arcade-Racer funktioniert deutlich besser, als man zunächst erwarten würde. Die Geschichte entwickelt sich zu einem echten Highlight und bietet genug interessante Figuren und Geheimnisse, um bis zum Ende zu motivieren. Auch die Rennmechaniken bringen frische Ideen ins Genre. Das Echo-System, die Ressourcenverwaltung und der Overdrive-Modus sorgen für spannende Rennen mit taktischer Komponente. Leider wird das Potenzial durch ein nicht immer überzeugendes Fahrgefühl ausgebremst. Die Fahrzeuge wirken oft zu schwerfällig, während die KI gelegentlich unnötig frustrierend agiert. Wer bereit ist, sich auf die ungewöhnliche Mischung einzulassen, erhält dennoch ein erfrischend anderes Rennspiel, das sich deutlich vom Genre-Einheitsbrei abhebt und Lust auf eine mögliche Fortsetzung macht.

