Mit The Sinking City 2 wagt Frogwares einen erstaunlich deutlichen Kurswechsel. Während das ukrainische Studio in den vergangenen Jahren vor allem für seine Ermittlungsmechaniken rund um das sogenannte Mind Palace bekannt geworden ist, rückt der neue Teil diese DNA weitgehend in den Hintergrund. Stattdessen orientiert sich das Spiel deutlich stärker an klassischen Survival-Horror-Vorbildern wie Resident Evil und Silent Hill. Das klingt zunächst fast widersprüchlich, schließlich waren genau Analyse, Schlussfolgerungen und Entscheidungsfreiheit zentrale Bestandteile des ersten The Sinking City. Doch der neue Ansatz funktioniert überraschend gut. The Sinking City 2 ist fokussierter, geradliniger und spielerisch unmittelbarer als sein Vorgänger. Es setzt auf Erkundung, Ressourcenknappheit, Rätsel und riskante Kämpfe, ohne dabei seine Lovecraft-Wurzeln zu verlieren. Ganz an die großen Genrevertreter reicht Frogwares zwar nicht heran, doch das Ergebnis ist dennoch eines der rundesten Spiele des Studios bisher.
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Ein neuer Fall im überfluteten Arkham
Trotz der Zwei im Titel handelt es sich nicht um eine direkte Fortsetzung der ersten Geschichte. Stattdessen übernimmt mit Calvin Raffery ein neuer Protagonist die Hauptrolle. Seine Partnerin Faye liegt in einem mysteriösen, magisch verursachten Koma, und Calvin macht sich auf die Suche nach einer Möglichkeit, sie zu retten. Die Handlung führt ihn in das Arkham der 1920er-Jahre, das von einer gewaltigen Flut heimgesucht wurde und stark vom Cthulhu-Mythos beeinflusst ist. Straßen stehen unter Wasser, Gebäude verfallen und überall hinterlassen übernatürliche Einflüsse ihre Spuren. Lovecrafts Themen sind allgegenwärtig, ohne dass sich das Spiel dabei ausschließlich auf bekannte Referenzen verlässt. Bootsfahrten gibt es weiterhin, sie spielen diesmal aber nur noch eine untergeordnete Rolle. Statt selbst größere Wasserwege zu erkunden, dienen die Boote hauptsächlich dazu, einzelne Gebiete miteinander zu verbinden. Dadurch verschiebt sich der Fokus klar auf die Erkundung zu Fuß und damit genau auf jene Elemente, die das neue Survival-Horror-Konzept tragen sollen.

Der Unterschied zum Vorgänger ist schon nach kurzer Zeit offensichtlich. The Sinking City 2 ist wesentlich linearer aufgebaut. Große Entscheidungsbäume, komplexe Ermittlungen und moralische Konsequenzen stehen nicht mehr im Mittelpunkt. Die Geschichte entwickelt sich weitgehend fest vorgegeben. Stattdessen betreten wir neue Gebiete, suchen nach Ressourcen, entschlüsseln Rätsel, kämpfen gegen Kreaturen und öffnen Abkürzungen. Das erinnert stark an klassische Resident-Evil-Strukturen. Ein verschlossenes Gebäude führt zu einem Schlüssel, der wiederum einen neuen Bereich öffnet. Hinter einer vermeintlichen Sackgasse befindet sich eine Abkürzung zurück zu einem bekannten Speicherraum. Gleichzeitig stellt sich ständig die Frage, ob noch genügend Munition vorhanden ist, um den nächsten Abschnitt zu überstehen. Frogwares kopiert diese Formel nicht einfach, sondern passt sie an die eigene Welt an. Trotzdem ist der Einfluss jederzeit klar erkennbar.

Rätsel sind das eigentliche Highlight
Die größten Stärken von The Sinking City 2 liegen bei den Rätseln. Frogwares hat hier genau den richtigen Mittelweg gefunden. Die Aufgaben sind anspruchsvoll genug, um Aufmerksamkeit zu verlangen, aber selten so kryptisch, dass man völlig feststeckt. Manche Rätsel verlangen das genaue Lesen von Notizen und Dokumenten. Andere verstecken Hinweise direkt in der Umgebung oder verlangen, dass bestimmte Objekte genauer untersucht werden. Safekombinationen müssen beispielsweise aus verstreuten Informationen zusammengesetzt werden, während andere Mechanismen erst durch das Verständnis von Symbolen oder räumlichen Zusammenhängen Sinn ergeben. Gerade Fans der teils herrlich absurden Rätsel aus älteren Resident-Evil- oder Silent-Hill-Spielen dürften hier ihren Spaß haben. Das Spiel vertraut darauf, dass der Spieler hinsieht und mitdenkt, und belohnt genau diese Neugier.

Der zweite große Pfeiler ist das Kampfsystem. Calvin verfügt über eine überschaubare Auswahl an Schusswaffen. Munition ist allerdings knapp, sodass nicht jede Begegnung automatisch mit Gewalt gelöst werden sollte. Genau daraus entsteht die typische Survival-Horror-Spannung. Ist dieser Gegner wirklich die letzten Schrotflintenpatronen wert? Kann man vielleicht einfach vorbeilaufen? Oder wartet hinter der nächsten Tür etwas noch Gefährlicheres? Das eigentliche Treffergefühl bleibt dabei eher zweckmäßig. Die Waffen funktionieren zuverlässig, fühlen sich aber nie so wuchtig oder präzise an wie in einem Resident Evil 4 oder Dead Space. Das ist aber weniger problematisch, als es klingt. Der Reiz entsteht nicht aus der mechanischen Perfektion der Schießereien, sondern aus der Ressourcenknappheit. Jeder Schuss hat Gewicht, weil man nie weiß, wann man die nächste Packung Munition findet.

Inventarplatz wird zum Luxus
Auch die Verwaltung des Inventars spielt eine wichtige Rolle. Calvin kann nur eine begrenzte Anzahl an Gegenständen tragen. Waffen, Munition, Heilmittel und Crafting-Materialien konkurrieren ständig um wertvollen Platz. Dadurch muss man immer wieder überlegen, was wirklich mitgenommen werden soll. Zusätzliche Inventarplätze lassen sich im Verlauf freischalten, doch selbst dann bleibt Platz ein wertvolles Gut. Besonders wichtig werden die selten verteilten Speicherbereiche. Dort lässt sich die Ausrüstung neu organisieren und ein passendes Loadout für den nächsten Abschnitt zusammenstellen. Wer bereits weiß, dass ein neues Gebiet viele Gegner enthält, nimmt vielleicht mehr Munition mit. Wer dagegen ein rätsellastiges Areal erwartet, kann zusätzlichen Platz für gefundene Gegenstände freihalten. Diese kleinen Entscheidungen tragen enorm zur Spannung bei.

The Sinking City 2 versteht außerdem, warum gute Survival-Horror-Level funktionieren. Gebäude und Bereiche sind häufig stärker miteinander verbunden, als zunächst offensichtlich ist. Eine verschlossene Tür oder ein scheinbar nutzloser Gang kann später zur wichtigen Abkürzung werden. Dadurch verändern sich bekannte Orte nach und nach. Ein Bereich, der beim ersten Besuch noch gefährlich und umständlich war, lässt sich später deutlich schneller durchqueren. Gerade Rückwege zu Speicherpunkten werden dadurch angenehmer, ohne dass das Spiel den Druck komplett verliert. Diese Form von Leveldesign ist nicht neu, funktioniert hier aber sehr zuverlässig.
Zu wenig Abwechslung bei den Gegnern
Weniger überzeugend fällt die Gegnervielfalt aus. Zu Beginn bekommt es Calvin vor allem mit Menschen zu tun, die vom sogenannten Slither kontrolliert werden. Leider wiederholen sich deren Modelle sehr schnell. Nach einigen Stunden hat man das Gefühl, dieselben Gegner immer wieder zu erschießen. Später kommen zwar kosmische Kreaturen hinzu, doch auch diese Auswahl bleibt überschaubar. Gerade weil Kämpfe einen deutlich größeren Stellenwert als im Vorgänger besitzen, fällt diese Wiederholung stärker ins Gewicht. Ein paar zusätzliche Gegnertypen hätten den zwölfstündigen Spielverlauf deutlich abwechslungsreicher gemacht. Immerhin macht die Welt viel von diesem Defizit wett. Das überflutete Arkham besitzt eine herrlich unangenehme Atmosphäre. Regen, verfallene Gebäude, dunkle Innenräume und seltsame Kreaturen erzeugen permanent ein Gefühl des Unbehagens. Dabei orientiert sich das Spiel weniger am puren Schockeffekt und stärker an kosmischem Horror. Es geht häufig um das Gefühl, dass etwas mit dieser Welt grundsätzlich nicht stimmt. Frogwares versteht diese Atmosphäre bereits seit Jahren und kann sie hier mit dem engeren Survival-Horror-Konzept sogar noch effektiver einsetzen.

Fazit
The Sinking City 2 ist ein mutiger Neustart für Frogwares und überraschenderweise genau der richtige Schritt. Das Studio verzichtet auf viele seiner bekannten Ermittlungsmechaniken und verwandelt den Nachfolger in ein deutlich klassischeres Survival-Horror-Spiel. Damit verliert die Reihe zwar einen Teil ihrer bisherigen Identität, gewinnt aber gleichzeitig an Fokus. Besonders die Rätsel überzeugen. Sie verlangen Aufmerksamkeit, cleveres Kombinieren von Hinweisen und ein gutes Auge für Details. Dazu kommen ein funktionierendes Ressourcenmanagement, sinnvoll begrenztes Inventar und gut aufgebaute Gebiete mit zahlreichen Abkürzungen.
Das Kampfsystem erfüllt seinen Zweck, ohne wirklich herausragend zu sein. Größer wiegen die geringe Gegnervielfalt und die steifen Animationen sowie Sprecherleistungen. Wer über diese Schwächen hinwegsehen kann, bekommt jedoch ein überraschend gelungenes Lovecraft-Abenteuer, das seine großen Vorbilder versteht, ohne sie komplett zu kopieren. The Sinking City 2 ist vielleicht kein neues Resident Evil oder Silent Hill. Es ist aber ein richtig gutes Survival-Horror-Spiel aus der zweiten Reihe und wahrscheinlich das bisher rundeste Gesamtpaket von Frogwares.

The Sinking City 2
The Sinking City 2-
Spielspaß80/100 Very good
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Präsentation85/100 Amazing
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Gameplay80/100 Very good
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Sound80/100 Very good
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Umfang80/100 Very good
Positiv
- Gelungenes klassisches Survival-Horror-Konzept
- Sehr gute und abwechslungsreiche Rätsel
- Starke Lovecraft-Atmosphäre
Negativ
- Geringe Gegnervielfalt
- Steife Gesichtsanimationen

