FromSoftware ist heute vor allem für Dark Souls, Bloodborne, Sekiro und Elden Ring bekannt. Lange bevor diese Spiele das Action-RPG-Genre prägten, experimentierte das Studio jedoch bereits mit düsteren Fantasy-Welten aus der Ego-Perspektive. Die King’s-Field-Reihe gilt rückblickend als einer der geistigen Vorläufer von Demon’s Souls und damit gewissermaßen auch des modernen Soulslike-Genres. Genau hier setzt Verho: Curse of Faces an. Entwickler Kasur Games macht kein Geheimnis daraus, dass das Spiel als direkte Hommage an King’s Field gedacht ist. Schon die Präsentation erinnert an ein vergessenes Rollenspiel aus der frühen PlayStation-Ära, inklusive grober Polygonmodelle, nebliger Landschaften, minimalistischer Benutzeroberfläche und langsamer, bedrohlicher Kämpfe. Was leicht wie bloße Nostalgie wirken könnte, entwickelt sich erstaunlich schnell zu einem eigenständigen Abenteuer. Verho übernimmt viele Eigenheiten seiner Vorbilder, modernisiert allerdings Bewegung, Levelstruktur und Progression. Das Ergebnis ist ein kompromissloses Retro-RPG, das Geduld verlangt, dafür aber mit einer faszinierenden Welt und einem starken Entdeckergefühl belohnt.
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Eine Welt, in der niemand sein Gesicht zeigen darf
Die Geschichte von Verho beginnt mehrere Jahrhunderte nach einer Katastrophe, die fast die gesamte Menschheit ausgelöscht hat. Eine geheimnisvolle Seuche verbreitete sich innerhalb weniger Stunden und zwang die wenigen Überlebenden dazu, sich in Höhlen, abgelegenen Siedlungen und abgeschotteten Königreichen zu verstecken. Drei Jahrhunderte lang herrschte die sogenannte Era of Solitude. Erst später wurde die wahre Ursache der Katastrophe entdeckt. Ein Mann, der nur als der Maker bekannt ist, fand heraus, dass jeder Mensch stirbt, sobald er das unbedeckte Gesicht eines anderen Menschen sieht.
Um die letzten Überlebenden zu schützen, erschuf er Masken und begründete damit die Era of Masks. Diese Ausgangslage verleiht Verho sofort eine eigene Identität. Masken sind nicht nur ein optisches Stilmittel, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Welt, ihrer Religion und ihrer Gesellschaft. Unser Charakter reist schließlich in das alte Königreich Yariv, das als Ursprung des Fluchs gelten soll. Dort angekommen, wird er von einem geheimnisvollen Nebel erfasst, der sämtliche Erinnerungen raubt. Damit beginnt eine Reise durch die Ruinen einer untergegangenen Zivilisation.

Optisch trägt Verho seine Inspiration mit Stolz. Die groben Polygonmodelle, verwaschenen Texturen und stark gesättigten Farben erinnern unmittelbar an Rollenspiele der ersten PlayStation. Nebel verhüllt große Teile der Landschaft, Gegner wirken bewusst kantig und selbst Schalter oder Wandmechanismen sehen aus, als wären sie direkt aus einem Spiel von 1998 übernommen worden. Dabei beschränkt sich Kasur Games nicht auf simple Nostalgie. Das Spiel kombiniert den visuellen Stil der frühen King’s-Field-Titel mit komplexeren, vertikal aufgebauten Gebieten, die eher an King’s Field IV auf der PlayStation 2 erinnern. Gerade dadurch entsteht der Eindruck, als hätte man ein bislang unbekanntes King’s Field 5 entdeckt. Wer mit der Ästhetik alter PlayStation-Spiele nichts anfangen kann, dürfte allerdings Schwierigkeiten haben. Verho versucht nicht, seine Retro-Herkunft zu verstecken. Im Gegenteil, sie ist ein zentraler Bestandteil der gesamten Erfahrung.
Eine Welt voller Abkürzungen und Geheimnisse
Das Leveldesign gehört zu den größten Stärken des Spiels. Yariv besteht aus zahlreichen miteinander verbundenen Gebieten, die sich optisch und spielerisch deutlich voneinander unterscheiden. Einige Areale wirken wie klassische Labyrinthe, andere bestehen aus weiten Ebenen oder vertikal aufgebauten Ruinen. Immer wieder öffnen sich Abkürzungen zurück zu bereits bekannten Orten oder zu den sogenannten Maker Shrines. Diese dienen als Speicherpunkte, Schnellreiseziele und Orte zum Aufleveln. Dieses Design erinnert stark an klassische Souls-Spiele. Nach längeren Expeditionen endlich eine Tür zu öffnen, die zurück zu einem bekannten Schrein führt, sorgt regelmäßig für kleine Erfolgsmomente. Zusätzlich gibt es einfache Rätsel, versteckte Wege und zahlreiche Gefahren wie Lava, Giftseen, Stachelfallen oder bodenlose Abgründe. Besonders angenehm ist, dass die einzelnen Regionen nie zu lange dauern. Selbst wenn sich bestimmte Gegnertypen wiederholen, wechselt die Umgebung häufig genug, um die Reise frisch zu halten.

Das Kampfsystem ist bewusst simpel gehalten. Wer einen Nahkämpfer wählt, besitzt im Grunde einen zentralen Angriff. Dieser muss jedoch aufgeladen werden. Je nach Waffe dauert dies zwischen etwa einer halben und zwei Sekunden. Eine grüne Anzeige unter der Lebensleiste zeigt, wann ein Angriff seine maximale Kraft erreicht hat. Wer zu früh zuschlägt, verursacht deutlich weniger Schaden. Besonders interessant ist das Timing-System. Wird der Angriff exakt in dem Moment ausgelöst, in dem die Anzeige vollständig gefüllt ist, landet man einen kritischen Treffer. Dadurch entwickeln Nahkämpfe einen ganz eigenen Rhythmus. Rückwärts ausweichen, Angriff aufladen, wieder herangehen und im richtigen Moment zuschlagen. Gerade mit schweren Zweihandwaffen entsteht eine überraschend befriedigende Dynamik.
Viele Waffen und zahlreiche Magieoptionen
Trotz des einfachen Grundsystems bietet Verho eine erfreulich große Auswahl an Waffen. Schwerter, Äxte, Zweihänder und zahlreiche andere Nahkampfoptionen unterscheiden sich vor allem durch Reichweite, Geschwindigkeit und Schaden. Wer lieber Magie nutzt, findet außerdem eine große Anzahl an Runenzaubern. Zu Beginn wählt ihr eine Maske, die gewissermaßen als Charakterklasse dient. Neben dem neutralen Forgotten stehen klassische Archetypen wie Magier, Diebe oder Ritter zur Verfügung. Wer später seine Entscheidung bereut, kann seltene Blank Masks finden, mit denen sich sämtliche verteilten Statuspunkte zurücksetzen lassen. Dadurch lohnt sich auch das Experimentieren mit komplett anderen Builds.

Der größte Kritikpunkt liegt in der Gegner-KI. Sobald ein Feind auf euch aufmerksam wird, verfolgt er euch teilweise durch halbe Gebiete. Anders als in Dark Souls verlieren Gegner nur selten das Interesse. Besonders fliegende Kreaturen sorgen regelmäßig für Frust. Fledermäuse und Insekten bewegen sich erratisch, verschwinden hinter Wänden und tauchen plötzlich wieder direkt neben euch auf. Teilweise scheint es sogar, als würden sie durch Hindernisse hindurchgleiten. Das kann besonders ärgerlich werden, wenn man gerade mit einem NPC spricht und plötzlich von einem Gegner getroffen wird, von dem man glaubte, ihn längst abgeschüttelt zu haben. Auch die Gegnervielfalt ist nicht immer überzeugend. Einzelne Regionen verwenden häufig nur ein oder zwei Grundtypen, die später durch Varianten mit Gift, Feuer oder anderen Eigenschaften ergänzt werden. Zum Glück nimmt die Komplexität im späteren Verlauf deutlich zu.
Härte mit klaren Regeln
Verho ist anspruchsvoll, aber selten wirklich unfair. Schon wenige Treffer reichen oft aus, um den eigenen Charakter zu töten. Gleichzeitig lassen sich die meisten Angriffsmuster relativ schnell erkennen. Der eigentliche Schlüssel zum Erfolg ist Ruhe. Wer hektisch wird, stirbt. Wer Abstand hält, Muster beobachtet und seine Angriffe kontrolliert setzt, kommt zuverlässig voran. Nach dem Tod startet ihr am letzten Maker Shrine erneut. Sobald ein Gebiet bekannt ist, lässt sich verlorener Fortschritt relativ schnell wieder aufholen. Interessant ist außerdem, dass das Spiel im späteren Verlauf spürbar schneller wird. Die letzten Stunden erinnern stellenweise weniger an Demon’s Souls und beinahe mehr an klassische Doom-Spiele. Schnelle Seitwärtsbewegungen und permanentes Rein- und Rauslaufen aus gegnerischen Reichweiten bestimmen zunehmend den Rhythmus.

Die Bosskämpfe fallen unterschiedlich stark aus. Einige Gegner sind kaum mehr als größere Versionen normaler Feinde mit mehr Lebenspunkten. Hier besteht die Herausforderung hauptsächlich darin, geduldig auf sichere Angriffsmöglichkeiten zu warten. Andere Bosse überzeugen hingegen durch mehrere Phasen und abwechslungsreichere Angriffsmuster. Besonders interessant ist, dass Verho stärker mit Bewegung arbeitet als viele klassische Soulslikes. Manche Attacken müssen übersprungen werden, andere verlangen, dass man sich darunter duckt. Dadurch bleiben die Kämpfe trotz der einfachen Steuerung aktiv. Lediglich der mehrstufige Endkampf erreicht wirklich hohe Schwierigkeitsgrade. Wer Sekiro oder Elden Ring gewohnt ist, sollte deshalb keine brutale Bossorgie erwarten.
Das Nameless Village als Heimat
Als zentrale Basis dient das Nameless Village. Hier findet ihr Händler, Schmiede und zahlreiche andere Figuren, die im Laufe der Reise immer wieder auftauchen. Besonders charmant ist ein riesiger Schlangenschmied, der sich um seine Feuerstelle windet und schnell zu einem der markantesten Bewohner des Dorfes wird. Viele NPCs besitzen eigene Nebenquests. Wer sie regelmäßig in den verschiedenen Regionen aufsucht und ihre Dialoge verfolgt, erfährt mehr über ihre Vergangenheit und die Geschichte Yarivs. Einige Figuren können sogar bei Bosskämpfen oder bestimmten Abschnitten helfen.
Allerdings bleiben viele Charaktere trotz interessanter Hintergrundgeschichten überraschend blass. Häufig erzählen sie lange von Ereignissen, die außerhalb des eigentlichen Spiels passiert sind, anstatt diese selbst mitzuerleben. Sämtliche Dialoge sind vertont. Die Qualität schwankt allerdings deutlich. Manche Sprecher klingen bewusst merkwürdig und beinahe amateurhaft, als würden sie ihre Zeilen mit möglichst ungewöhnlichen Stimmen einsprechen. Erstaunlicherweise passt genau das hervorragend zur eigenwilligen Atmosphäre. Da die kantigen Polygonmodelle kaum Gesichtsausdrücke besitzen, werden die ungewöhnlichen Stimmen schnell zu einem wichtigen Erkennungsmerkmal der Figuren. Weniger charmant sind dagegen die permanenten Schreie und Geräusche der Gegner, die einen teilweise über lange Strecken verfolgen.

Musikalisch überzeugt Verho auf ganzer Linie. Komponist Valentino Cervini verbindet melancholische Ambient-Stücke mit melodischen Fantasy-Kompositionen. Manche Tracks erinnern an Jeremy Soules Musik aus The Elder Scrolls IV: Oblivion oder Skyrim. Besonders auffällig ist der häufige Einsatz von Fingerstyle-Gitarren, die einigen Gebieten eine überraschend warme und nachdenkliche Atmosphäre verleihen. Mit einer Laufzeit von rund drei Stunden fällt der Soundtrack erstaunlich umfangreich aus und trägt wesentlich zum Wechselspiel zwischen Hoffnung und Verzweiflung bei. Gerade das Nameless Village besitzt ein ruhiges Thema, das nach längeren Expeditionen wie eine echte Heimkehr wirkt. Ein großer Pluspunkt von Verho ist sein stetiger Aufbau.
Die ersten Stunden verbringen wir hauptsächlich in nebligen, farblich stark gesättigten Ruinen, die deutlich an Boletaria aus Demon’s Souls erinnern. Später werden die Umgebungen immer fantasievoller. Blutrote Sümpfe, leuchtende Höhlensysteme und bizarre Landschaften sorgen dafür, dass sich das Spiel optisch stetig steigert. Verho zeigt seine besten Karten also nicht bereits am Anfang. Je weiter man voranschreitet, desto interessanter werden Leveldesign, Gegner und Atmosphäre. Dadurch entsteht ein starkes Gefühl von Entdeckung, das bis zum Finale anhält.

Fazit
Verho: Curse of Faces fühlt sich auf faszinierende Weise wie ein vergessenes PlayStation-Rollenspiel an, das irgendwann Ende der Neunziger veröffentlicht wurde und erst jetzt wiederentdeckt worden ist. Die Inspiration durch King’s Field ist allgegenwärtig, doch Kasur Games begnügt sich nicht mit einer bloßen Kopie. Modernere Bewegung, clever verschachtelte Gebiete, ein interessantes Timing-System im Kampf und eine bemerkenswert abwechslungsreiche Welt verleihen dem Spiel eine eigene Identität. Nicht alles ist gelungen. Einige Gegner verfolgen euch viel zu hartnäckig, fliegende Kreaturen können extrem nerven und manche Bosskämpfe fallen zu simpel aus.
Auch die langen Erklärungen einiger NPCs ersetzen häufig echte Charakterentwicklung. Wer jedoch die Ästhetik früher 3D-Rollenspiele mag und Freude daran hat, unbekannte Welten langsam zu entschlüsseln, bekommt hier ein außergewöhnlich authentisches Retro-Abenteuer. Verho: Curse of Faces ist keine moderne Soulslike-Kopie mit alter Grafik. Es fühlt sich vielmehr so an, als hätte jemand tatsächlich ein verloren gegangenes King’s Field aus einer anderen Zeitlinie ausgegraben.

Verho: Curse of Faces
Verho: Curse of Faces-
Spielspaß90/100 Amazing
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Grafik80/100 Very good
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Gameplay80/100 Very good
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Sound90/100 Amazing
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Umfang85/100 Amazing
Positiv
- Fantastische Retro-Atmosphäre
- Befriedigendes Kampfsystem mit Timing-Fokus
- Gute Mischung aus Erkundung, Plattforming und Kämpfen
- Viele Waffen und Magiemöglichkeiten
Negativ
- Teilweise sehr repetitive Gegnertypen

