Manchmal braucht es keine riesige Open World, keine 100 Stunden Spielzeit und keine Karte, die mit hunderten Symbolen übersät ist. Manchmal reichen ein paar gute Gefährten, jede Menge Orks und ein klar definiertes Abenteuer. Genau daran erinnert uns The Lord of the Rings: War in the North Legacy Edition. Aspyr holt das ursprünglich 2011 von Snowblind Studios entwickelte Action-RPG überraschend zurück und gibt einem der eher vergessenen Herr-der-Ringe-Spiele eine zweite Chance. War in the North gehörte nie zu den ganz großen Namen der Lizenz, entwickelte sich über die Jahre aber zu einem kleinen Geheimtipp. 15 Jahre später zeigt sich erstaunlicherweise, dass gerade seine unkomplizierte Struktur einen großen Teil des heutigen Reizes ausmacht.
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Abseits der bekannten Wege Mittelerdes
War in the North erzählt keine weitere Version der Reise von Frodo und Sam und lässt uns auch nicht einfach die großen Schlachten der Filmtrilogie nachspielen. Stattdessen begleitet das Spiel eine neue Gemeinschaft, deren Abenteuer parallel zu den bekannten Ereignissen stattfindet. Im Mittelpunkt stehen drei Helden: der Dúnedain-Waldläufer Eradan, die Elbenkundigen Andriel und der Zwergenkrieger Farin. Gemeinsam ziehen sie in den Norden Mittelerdes, wo Saurons Einfluss ebenfalls immer stärker wird. Die Grundidee funktioniert bis heute hervorragend. Während die Gefährten aus Der Herr der Ringe mit dem Einen Ring beschäftigt sind, bekommen wir einen Blick auf einen anderen Teil des Konflikts. Leider schöpft die Geschichte dieses Potenzial nur teilweise aus. Die Handlung erfüllt ihren Zweck und bietet genügend Gründe, von einer Schlacht zur nächsten zu ziehen, wirklich erinnerungswürdige Figuren oder überraschende Entwicklungen bleiben jedoch selten. Immer wieder treffen wir auf bekannte Charaktere und bekommen Verbindungen zu den Ereignissen aus Büchern und Filmen präsentiert. Dadurch fühlt sich das Abenteuer eindeutig nach Mittelerde an, gleichzeitig bleibt stets der Eindruck einer Nebengeschichte bestehen. Das ist allerdings weniger problematisch, als es zunächst klingt. War in the North lebt ohnehin stärker von seinem Abenteuergefühl als von seiner eigentlichen Handlung.

Zurück in eine andere RPG-Zeit
Besonders interessant ist heute, wie unkompliziert das Spiel aufgebaut ist. War in the North stammt aus einer Zeit, in der nicht jedes Action-RPG zwangsläufig eine gigantische offene Welt benötigte. Stattdessen führt uns das Abenteuer relativ geradlinig durch verschiedene Gebiete, wir erledigen Aufgaben, kämpfen gegen Gegner, sammeln Ausrüstung und entwickeln unsere Charaktere weiter. Das Kampfsystem ist entsprechend schnell verstanden. Leichte und schwere Angriffe werden mit Fernkampfangriffen, Blocken und Ausweichbewegungen kombiniert. Was zunächst sehr simpel klingt, entwickelt durch freischaltbare Fähigkeiten und unterschiedliche Charakterklassen genügend Tiefe, um über die ungefähr zwölf Stunden lange Kampagne hinweg zu unterhalten. Besonders gelungen sind die Trefferketten. Wer mehrere Angriffe erfolgreich miteinander verbindet, erhält Boni und kann angeschlagene Gegner mit teilweise ausgesprochen brutalen Finishern ausschalten. Und brutal ist tatsächlich das richtige Wort. War in the North war schon 2011 deutlich härter inszeniert als viele andere Herr-der-Ringe-Spiele. Köpfe und Gliedmaßen fliegen durch die Gegend, während sich unsere kleine Gemeinschaft durch ganze Gruppen von Orks kämpft. Dadurch besitzen die Gefechte eine überraschend große Wucht.

Drei Helden, drei Spielweisen
Eine der größten Stärken ist weiterhin das Trio der spielbaren Charaktere. Eradan übernimmt als Waldläufer die Rolle des vielseitigen Kämpfers und verbindet Nahkampf mit seinen Fähigkeiten auf Distanz. Andriel setzt stärker auf Magie und Unterstützung, während Farin als Zwerg besonders gerne mitten ins Getümmel springt. Im Einzelspieler können wir zwischen den drei Figuren wechseln und ihre jeweiligen Fähigkeiten ausbauen. Dadurch bekommt das ansonsten recht geradlinige Action-Kampfsystem einen leichten taktischen Einschlag. Noch besser funktioniert das Konzept allerdings im Koop. War in the North wurde offensichtlich mit einer kleinen Gemeinschaft im Hinterkopf entwickelt. Spielen mehrere menschliche Spieler zusammen, entsteht genau dieses Gefühl einer Gruppe, die sich gemeinsam durch hoffnungslos wirkende Situationen kämpft. Während ein Spieler Gegner im Nahkampf beschäftigt, kann ein anderer aus der Distanz angreifen oder die Gruppe unterstützen. Gleichzeitig kommen Gegner aus verschiedenen Richtungen, Belagerungsmaschinen müssen ausgeschaltet und unterschiedliche Ziele verteidigt werden. Gerade diese Situationen erzeugen jene kleinen Herr-der-Ringe-Momente, die das Spiel bis heute so sympathisch machen.

Überraschend kompetente Begleiter
Fehlt ein menschlicher Mitspieler, übernimmt die KI den entsprechenden Charakter. Das funktioniert erstaunlich ordentlich. Natürlich ersetzt der computergesteuerte Begleiter keinen Freund, doch er ist wesentlich nützlicher, als man es von einem Spiel dieses Alters erwarten könnte. Interessant ist außerdem, dass sich auch dessen Entwicklung beeinflussen lässt. So kann die Gruppe gemeinsam entscheiden, welche Rolle der dritte Charakter übernehmen soll. Gerade zu zweit entsteht dadurch eine unterhaltsame Dynamik. Der KI-Zwerg darf beispielsweise mitten in die Gegnergruppe stürmen und deren Aufmerksamkeit auf sich ziehen, während die menschlichen Spieler etwas entspannter ihre eigenen Strategien verfolgen. Das ist nicht unbedingt taktische Hochkultur, funktioniert aber wunderbar. Aus heutiger Sicht ist die Struktur von War in the North beinahe erfrischend.

Das Spiel versucht nicht, uns monatelang zu beschäftigen. Es gibt keine gigantischen Gebiete voller repetitiver Nebenaktivitäten und keinen künstlich gestreckten Endgame-Grind. Stattdessen beginnt eine Mission, wir ziehen los, kämpfen, sammeln bessere Ausrüstung, besiegen einen Boss und reisen weiter. Natürlich bedeutet das auch, dass sich einige Mechaniken wiederholen. Die Gegnerauswahl könnte abwechslungsreicher sein und das Leveldesign verrät gelegentlich deutlich das Alter des Originals. Aber gerade die kompakte Struktur verhindert, dass daraus ein ernsthaftes Problem wird. Nach ungefähr zwölf Stunden ist das Abenteuer beendet. Das mag gemessen an heutigen Rollenspielen kurz erscheinen, passt aber hervorragend zum Spiel. War in the North weiß, was es sein möchte, und verschwendet nur selten unsere Zeit.
Die Remaster-Kur tut Mittelerde gut
Aspyr hat das ursprüngliche Spiel technisch überarbeitet, ohne seinen Charakter grundlegend zu verändern. Höhere Auflösungen, verbesserte Bildraten und überarbeitete Texturen sorgen dafür, dass sich die Rückkehr deutlich angenehmer präsentiert als das mittlerweile 15 Jahre alte Original. Natürlich kann die technische Herkunft nicht vollständig versteckt werden. Charaktermodelle, Animationen und Umgebungen erreichen nicht die Qualität moderner AAA-Produktionen. Erstaunlicherweise hält sich War in the North aber besser, als man erwarten könnte. Besonders die Animationen während der Kämpfe und Echtzeit-Zwischensequenzen wirken für ein Spiel aus dem Jahr 2011 noch immer ordentlich. Die höhere Bildrate hilft dem Kampfsystem zusätzlich und lässt Ausweichbewegungen und schnelle Angriffskombinationen deutlich geschmeidiger wirken. Das Remaster versucht also glücklicherweise nicht, aus War in the North ein modernes Action-RPG zu machen. Es poliert vielmehr genau das Spiel auf, das damals veröffentlicht wurde.

Ebenfalls interessant ist aus heutiger Perspektive die englische Synchronbesetzung. Unter anderem sind Laura Bailey und Liam O’Brien als Elben zu hören. Beide verwendeten bereits damals Stimmen, die Fans von Critical Role und The Legend of Vox Machina heute sofort bekannt vorkommen dürften. Auch Tom Kane hinterlässt als Gandalf einen starken Eindruck. Seine markante Stimme passt hervorragend zum Zauberer und erinnert gleichzeitig unweigerlich an seine Arbeit im Star-Wars-Universum. Generell trägt die Vertonung viel zur Atmosphäre bei. Selbst wenn die eigentliche Geschichte nicht sonderlich aufregend geschrieben ist, verkaufen die Sprecher die Welt überzeugend.
Nicht alles ist gut gealtert
Natürlich merkt man dem Spiel sein Alter trotzdem an. Die Missionen sind häufig sehr linear aufgebaut und spielerisch wiederholen sich bestimmte Situationen recht schnell. Das Kampfsystem besitzt zwar genügend Möglichkeiten, um zu unterhalten, kann mit modernen Action-RPGs hinsichtlich seiner mechanischen Tiefe aber nicht mithalten. Auch die Geschichte bleibt der größte Schwachpunkt. Der zentrale Bösewicht kann mit Sauron oder Saruman kaum konkurrieren und viele Nebenfiguren existieren hauptsächlich, um uns zum nächsten Ziel zu schicken. Das Problem einer solchen Parallelgeschichte ist offensichtlich: Während irgendwo anders gerade die Zukunft Mittelerdes entschieden wird, kann sich das eigene Abenteuer zwangsläufig etwas weniger bedeutend anfühlen. Wer eine weitere erzählerische Meisterleistung innerhalb von Tolkiens Universum erwartet, dürfte deshalb enttäuscht werden. Wer dagegen einfach ein unkompliziertes Action-RPG in Mittelerde spielen möchte, bekommt genau das.
Fazit
The Lord of the Rings: War in the North Legacy Edition erinnert daran, wie angenehm ein geradliniges Action-RPG sein kann. Snowblind Studios‘ Abenteuer war bereits 2011 kein Meisterwerk und Aspyrs technische Überarbeitung macht daraus auch 15 Jahre später keines. Doch gerade seine überschaubaren Ambitionen sind heute beinahe eine Stärke. Das Kampfsystem ist einfach, aber befriedigend, die drei Charaktere bieten ausreichend unterschiedliche Spielweisen und insbesondere im Koop entfaltet das Abenteuer seinen größten Charme. Gemeinsam durch Mittelerde zu ziehen, Orks auseinanderzunehmen und bessere Ausrüstung zu sammeln, funktioniert noch immer erstaunlich gut.
Die Geschichte bleibt dagegen blass und auch spielerisch sollte niemand die Komplexität eines modernen Action-RPGs erwarten. Dafür verzichtet War in the North auf unnötigen Ballast. Nach ungefähr zwölf unterhaltsamen Stunden ist Schluss, bevor sich das Konzept wirklich abnutzen kann. In einer Zeit, in der viele Spiele ihre Inhalte über gigantische Karten und dreistellige Spielzeiten verteilen, wirkt diese Konzentration fast schon nostalgisch angenehm. The Lord of the Rings: War in the North Remastered ist keine spektakuläre Neuerfindung, sondern die liebevoll aufgefrischte Rückkehr eines sympathischen Mittelerde-Abenteuers, das vor allem gemeinsam mit Freunden noch immer richtig viel Spaß macht.
The Lord of the Rings: War in the North Legacy Edition
The Lord of the Rings: War in the North Legacy Edition-
Spielspaß85/100 Amazing
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Grafik70/100 Good
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Gameplay80/100 Very good
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Sound75/100 Very good
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Umfang75/100 Very good
Positiv
- Unkompliziertes und befriedigendes Kampfsystem
- Verbesserte Auflösung, Texturen und Bildrate
- Im Koop besonders unterhaltsam
Negativ
- Geschichte bleibt ziemlich belanglos
- Lineares und sichtbar gealtertes Leveldesign

